Trizyklisches Antidepressivum | Indikation: Depression
Handelsnamen: Saroten und Tryptizol

Allgemeine Informationen

Amitriptylin wurde 1960 von der Firma Lundbeck patentiert und 1962 auf dem Markt eingeführt. Es war lange Jahre – bis zum Aufkommen der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) – das meistverordnete Antidepressivum weltweit.

Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum (Trizyklika) bzw. ein nicht-selektiver Serotonin und Noradrenalin Wiederaufnahme-Hemmer. Es wird unter den Handelsnamen Saroten und Tryptizol vertrieben, zusätzlich sind diverse Generika auf dem Markt. Das Medikament ist zur Behandlung von Depressionen und chronischen Schmerzen zugelassen. Es wirkt stark sedierend, weshalb es zu Einschränkungen bezüglich der Teilnahme am Strassenverkehr und dem Bedienen von Maschinen kommen kann. Amitriptylin ist ab dem 18. Altersjahr zugelassen. Die Wirkung von Alkohol kann durch Amitriptylin verstärkt werden, weshalb die Einnahme von Alkohol während der Behandlung zu vermeiden ist. ​

Ein nicht sedierender Abkömmling bzw. der aktive Metabolit von Amitriptylin ist Nortriptylin (ebenfalls ein trizyklisches Antidepressivum).

Dosierung & Anwendung

Einnahme: 1x täglich ca. 2 Stunden vor dem Schlafengehen unabhängig der Mahlzeiten.
Die Einnahme muss täglich erfolgen (also nicht nur bei unmittelbarem Bedarf).

Dosierung: 50-150mg

Die Dosierung muss von einem Arzt individuell festgelegt werden. Die Dosis kann somit von der Standartdosierung abweichen. Je nachdem ist eine höhere oder tiefere Dosis erforderlich.

Antidepressiva werden grundsätzlich langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass im Normalfall mit der niedrigsten Dosis angefangen und diese (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis erhöht wird. So sollen die Nebenwirkungen minimiert werden.

Gleich verhält es sich beim Absetzen des Medikamentes. Die Dosis wird über Tage bis Wochen hinweg langsam reduziert (auch bekannt als das „Ausschleichen“). So sollen Absetzerscheinungen verhindert werden.

Wirkungseintritt & Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: nach 1-8 Stunden

Halbwertszeit: 8-51 Stunden

Bioverfügbarkeit: 45%

Wirkungseintritt: nach 2-4 Wochen bei Depressionen / 1-2 Stunden Sedation

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

Nebenwirkungen im Detail

Sehr häufig (mehr als 10%): Vermehrtes Schwitzen, Mundtrockenheit, Verstopfung, Übelkeit, tiefer Blutdruck, Herzklopfen, Herzrasen, Probleme beim Anpassen der Sehschärfe, Kopfschmerzen, Schwindel, Zittern, Schläfrigkeit, Gewichtszunahme.

Häufig (1-10%): Müdigkeit, EKG-Veränderungen, AV-Block, Reizleitungsstörungen beim Herzen, Erweiterung der Pupillen, Aufmerksamkeitsstörungen, Kribbeln auf der Haut, Störung der Bewegungskoordination, Geschmacksveränderung, Verwirrtheit, Libidoverlust.

Gelegentlich (0.1-1%): Probleme beim Entleeren der Harnblase, Ausschlag, Nesselfieber, Gesichtsödem, Durchfall, Erbrechen, Zungenödem, Bluthochdruck, Tinnitus, erhöhter Augeninnendruck, Krampfanfälle, Hypomanie, Manie, Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit, Albträume.

Selten (0.01-0.1%): Fieber, Vergrösserung der Brustdrüse beim Mann, Haarausfall, Lichtempflindlichkeit, Leberfunktionsstörungen, Gelbsucht, Vergrösserung der Speicheldrüsen, Darmverschluss, Herzrythmusstörungen, Delir, Halluzinationen, Suizidgedanken oder Suizidverhalten, Gewichtsabnahme, Thrombozytopenie, Knochenmarkdepression, Agranulozytose, Leukopenie, Eosinophilie.

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Einige Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

 

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Absolut kontrainidiziert sind:

  • frischer Herzinfarkt
  • AV-Erregungsleitungsstörungen
  • akute Alkohol-, Barbiturat- und Opiatvergiftung
  • akuter Harnverhalt
  • Pylorusstenose
  • paralytischer Ileus
  • unbehandeltes Engwinkelglaukom
  • MAO-Hemmer- oder Cisaprid-Therapie
  • Schwangerschaft & Stillzeit

 

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Wechselwirkungen bestehen vor allem mit Wirkstoffen, die ebenfalls Bewusstseins-dämpfend wirken, wie Beruhigungsmitteln und Schlafmittel.

Eine gegenseitige Wirkungsverstärkung ergibt sich mit Wirkstoffen, die eine anticholinerge Wirkung haben. Dazu gehören zum Beispiel Phenothiazine (eine Gruppe der Psychopharmaka), Antiparkinsonmittel wie Biperiden, Antihistaminika (als Schlafmittel und gegen Allergien verwendet) oder Atropin (zum Beispiel in Augentropfen enthalten).

Cimetidin (gegen Magengeschwüre) und Methylphenidat (u.a. Ritalin) verstärken die Wirkungen und Nebenwirkungen des Medikamentes.

Manche gefässverengenden Mittel (Katecholamine), auch wenn sie nur als Zusatz zu Mitteln zur örtlichen Betäubung vorkommen, werden durch Amitriptylin in ihrer Wirkung auf das Nervensystem verstärkt.

Besondere ärztliche Vorsicht ist geboten, wenn vorausgehend oder gleichzeitig Antidepressiva anderer Wirkstoffgruppen eingenommen wurden oder werden. Dies gilt insbesondere für die Wirkstoffe Fluoxetin und Fluvoxamin, aber auch für andere trizyklische Antidepressiva. Hier kommt es bei gleichzeitiger Gabe von Amitriptylin zu einer gegenseitigen Verstärkung der Wirkung und zur Zunahme der Häufigkeit auftretender Nebenwirkungen. Die einzunehmende Dosis von Amitriptylin und/oder der anderen Antidepressiva muss daher durch den Arzt angepasst werden.

Antidepressiva aus der Gruppe der MAO-Hemmer dürfen wegen schwerer Nebenwirkungen keinesfalls zusammen mit Amitriptylin eingenommen werden. Die einnahme der MAO-Hemmer muss mindestens 14 Tage vor der Einnahme von Amitriptylin beendet werden. Auch bei einem umgekehrten Wechsel von Amitriptylin zu MAO-Hemmern gilt dieser Mindestabstand von 14 Tagen.

Neuroleptika, die ebenfalls auf die Psyche wirken, verstärken das Medikament in seiner Wirkung. Dies gilt auch für die gleichzeitige Behandlung mit Antiepileptika (wie z.B. Lamotrigin) sowie Benzodiazepinen oder Barbituraten. Hier können vermehrt Krampfanfälle des zentralen Nervensystems auftreten.

Das Medikament kann die Wirkung von manchen Wirkstoffen gegen zu hohen Blutdruck wie beispielsweise Guanethidin, Reserpin, Betanidin, Clonidin verringern oder aufheben. Gleiches gilt für den Wirkstoff Alpha-Methyldopa.

Bei gleichzeitiger Gabe von Schilddrüsenhormonen ist besondere ärztliche Vorsicht geboten, da unerwünschte herzschädigende Effekte verstärkt werden können.

Wirkstoffe gegen Herzrhythmusstörungen vom Typ des Chinidin oder Amiodaron werden in ihrer Wirkung durch das Medikament verstärkt.

Wirkstoffe, die den Abbau von Amitriptylin in der Leber beschleunigen, wie Barbiturate, die Epilepsiemittel Carbamazepin und Phenytoin, wie Nikotin oder hormonelle Verhütungsmittel, verringern die Wirkung des Medikamentes. Carbamazepin und Phenytoin werden dabei gleichzeitig in ihrer Wirkung durch Amitriptylin verstärkt.

Bei gleichzeitiger Gabe von Blutgerinnungsmitteln vom Cumarin-Typ wie beispielsweise Phenprocoumon kann es zu Veränderungen der Blutgerinnung kommen. Die Gerinnungswerte müssen daher regelmässig ärztlich überprüft werden.

Schwangerschaft & Stillzeit

Zur Anwendung von Amitriptylin in der Schwangerschaft liegen keine ausreichenden Erfahrungen vor.

Amitriptylin sollte während der Schwangerschaft, insbesondere im ersten sowie im letzten Trimenon nicht angewendet werden, es sei denn, dies ist dringend erforderlich. Nach Gabe höherer Dosierungen von Antidepressiva vor der Geburt wurden beim Neugeborenen Entzugserscheinungen in Form von Störungen der Herz- und Atemfunktion, Harn- und Stuhlentleerung sowie Unruhe beobachtet.

Amitriptylin geht zu einem geringen Anteil in die Muttermilch über. Mütter, bei denen die Anwendung von Amitriptylin indiziert ist, sollten deshalb nicht stillen.

Studien

Vergleich mit Citalopram: Zwei Doppelblindstudien dienten dem Vergleich von Amitriptylin mit Citalopram. Insgesamt erhielten 87 Patienten variable Dosen von Citalopram (30 bis 60 mg) oder Amitriptylin (112,5 bis 225 mg). Die eine Studie dauerte drei Wochen und umfasste Patienten mit vorwiegend endogener Depression, die andere dauerte sechs Wochen und unterschied nicht nach verschiedenen Depressionsformen. Mit beiden Substanzen erreichte man eine vergleichbare Verbesserung des depressiven Zustandes. Citalopram schnitt jedoch bezüglich der sedierenden Wirkung bei Schlaflosigkeit schlechter ab.

Vergleich mit Fluoxetin: Amitriptylin ist in zahlreichen Studien u.a. mit Fluoxetin verglichen worden. In der Gesamtbeurteilung ergaben sich keine wesentlichen Differenzen zwischen Amitriptylin und Fluoxetin. Schlafstörungen wurden allerdings von Fluoxetin weniger gut beeinflusst als von Amitriptylin. In der Beurteilung durch die Patienten war Amitriptylin das wirksamere Medikament.

Vergleich mit Paroxetin: Amitriptylin und Paroxetin wurden in verschiedenen Studien bei über 500 spitalexternen Patienten miteinander verglichen, wobei die beiden Substanzen in ihrer Wirkung als gleichwertig beurteilt wurden. Diese Ergebnisse konnten auch in einer Multizenterstudie mit hospitalisierten Patienten bestätigt werden, in der die Patienten nach einer Placeboperiode Amitriptylin (150 mg/Tag) oder Paroxetin (30 mg/Tag) erhielten. Von den mit Paroxetin behandelten Personen sprachen 74% auf die Therapie an, in der Gruppe mit Amitriptylin waren es 87%.

Vergleich mit Sertralin: Im Vergleich zu Sertralin zeigte sich Amitriptylin in verschiedenen Studien ähnlich wirksam. In einer Doppelblindstudie bei 448 Patienten mit schwerer Depression wurde die Dosis initial titriert und so relativ hohe durchschnittliche Tagesdosen (Sertralin:159 mg, Amitriptylin: 111 mg) erreicht. Zwischen den beiden Medikamenten ergab sich kein signifikanter Unterschied in der antidepressiven Wirkung; gegenüber Placebo waren beide deutlich wirksamer.

Vergleich mit MirtazapinZwei in der ambulanten Praxis durchgeführte Doppelblindstudien umfassten zusammen rund 300 Kranke. In diesen Studien war Mirtazapin in relativ niedriger Dosis (durchschnittlich um 20 mg/Tag) ähnlich wirksam wie Amitriptylin (Tagesdosis im Mittel um 120 mg),  jedoch der Placebokontrolle klar überlegen. Wie Mirtazapin hat Amitriptylin auch eine deutliche anxiolytische und schlaffördernde Wirkung.

Die einzige publizierte Langzeitstudie umfasste 217 Personen, die in vorausgehenden kürzeren Studien gemäss klinischer Beurteilung gut auf die Behandlung angesprochen hatten und ihr Medikament weiter doppelblind erhielten. Gemäss einer Beurteilung nach 20 Wochen Behandlung kam es unter Mirtazapin (mittlere Dosis: 23mg/Tag) oder Amitriptylin (mittlere Dosis: 138 mg/Tag) signifikant seltener zu einem Rückfall der Depression als unter Placebo. Zu diesem Zeitpunkt hatten 4,1% der mit Mirtazapin Behandelten und – nicht-signifikant mehr – 7,0% der mit Amitriptylin Behandelten einen Rückfall erlebt.

Vergleich mit Milnacipran: In einer Studie zeigte Milnacipran 100mg/Tag eine vergleichbare Wirkung mit Amptriptylin 150mg/Tag.

Bedenken Sie, dass die Studien keine Aussage über das Ansprechen einer individuellen Person aussagt.

Dieses Medikament ist rezeptpflichtig. Die Einnahme muss ärztlich überwacht werden!

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