Wie entsteht eine bipolare Störung?

Bei psychischen Erkrankung geht man generell davon aus, dass der Botenstoffwechsel im Gehirn betroffen ist bzw. der Austausch der Neurotransmitter im synaptischen Spalt nicht mehr richtig funktioniert.

Neurobiologisch gesehen ist bei einer Depression der Mangel an gewissen Botenstoffen das Problem, bei Manien/Hypomanien soll es genau umgekehrt sein; es herrscht ein Überangebot gewisser Hormone. Zentral dabei sind die Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und ferner auch Dopamin.

Für eine Depression wird vorallem ein Mangel des Botenstoffs Serotonin und ferner auch Noradrenalin verantwortlich gemacht. Serotonin ist ein Glückshormon, welches für die emotionale Stabilität des Menschen zuständig ist. Noradrenalin hat einen grossen Einfluss auf den Antrieb des Menschen. Dopamin ist ein weiteres Glückshormon, welches jedoch eher bei Manien/Hypomanien eine Rolle spielt und weniger bei Depressionen.

Die sogenannte „Serotonin-Hypothese“ wurde in Tierversuchen belegt, ist jedoch nach wie vor umstritten. Wäre es nur das Serotonin (so die Aussage der Kritiker), so müssten Antidepressiva allen Menschen helfen, was nachweislich nicht der Fall ist.

Wie bereits erwähnt ist bei Manien/Hypomanie ist genau das Gegenteil der Fall. Es ist zuviel Serotonin, Noradrenalin und Dopamin verfügbar. Durch die grössere Menge an den Glückshormonen Serotonin und Dopamin sowie das für den Antrieb verantwortliche Noradrenalin eleben die Betroffenen eine unnatürliche Form der Ekxtase.

Es gibt klare Indizien, dass eine bipolare Störung genetische Ursachen hat. Menschen mit familiärer Vorbelastung haben ein 7 Mal höheres Risiko an einer bipolaren Störung zu erkranken.

In einer Studie wurden eineiige Zwillinge untersucht, die folglich die gleichen Erbanlagen haben, und hatte der eine Zwilling eine bipolare Erkrankung, so hatte der andere dies in 60% bis 80% der Fälle auch. Umgekehrt ließe sich sagen, dass 20-40% der Zwillinge trotz gleicher Erbanlage gesund oder nicht bipolar waren. Es spielen also offenbar viele andere Faktoren eine Rolle. Außerdem ist zu bedenken, dass auch die Gene nicht „deterministisch“ (einseitig bestimmend) wirken, sondern z. B. durch Belastungsfaktoren „geweckt“ werden können. Umwelt- und Erbfaktoren stehen also in Wechselwirkung. Zu den Umweltfaktoren werden vor allem Stress, Traumata und Rauschmittelkonsum genannt.

Grundsätzlich sind Manien/Hypomanien meist besser unter Kontrolle zu bringen als Depressionen, dies sagt jedoch nichts über den Einzelfall aus.

Wie äussern sich bipolare Störungen?

Jeder Mensch hat „Hochs“ und „Tiefs“. Dies sind normale Gefühlreaktionen. Eine bipolare Störung hingegen hat mit „normalen“ Hochs und Tiefs nicht viel zu tun. Die beiden Stimmungsbilder sind extrem ausgeprägt.

Menschen mit bipolaren Störungen (auch manisch-depressive Erkrankung genannt) schwanken vom einem Extremen ins Andere. Dieser Wechsel vollzieht sich meist aprupt. Eine Manie ist durch extreme Euphorie geprägt, die Depression durch tiefe Trauer und Verzweiflung. Vielfach wird eine bipolare Störung auch als „von der Hölle in den Himmel und zurück“ beschrieben. Wobei die Hölle oft länger andauert als der Himmel.

Bei Menschen mit Manien/Hypomanien ist das logische bzw. das Realitätsdenken in Takt (im Gegensatz zu Erkrankungen aus dem schizophrenen Formkreis). Sie verfügen in der manischen Phase über ein enorm gesteigertes Selbstwertbewusstsein. Dies führt dazu, dass diese Patienten oft völlig sorglos mit Geld umgehen, über einen stark gesteigerten Antrieb verfügen, oft irrationale Projekte anfangen welche komplett unrealistisch sind und ein massiv gesteigertes Sexualbedürfnis haben.

In der depressiven Phase hingegen sind die Betroffenen kaum fähig ihren Alltag zu bestreiten. Sie sind Antriebslos, empfinden keine Freude, verlieren das Interessen an ihrer Umgebung, haben oft Schlafstörungen, suizidale Gedanken etc.

Als bipolar Typ I bezeichnet man eine sehr starke Ausprägung der Manie welche über mindestens sieben Tage anhält. Als bipolar Typ II eine eher moderate Ausprägung der manischen Phase, welche dann Hypomanie genannt wird. Dies führt u.a. dazu, dass eine bipolare Störung II oft mit einer rezidivierenden Depression verwechselt wird.

 

Diagnose & Symptome (ICD-10)

Depressionen wie Manien haben gewisse wissenschaftliche Kriteren zu erfüllen, damit es zu einer Diagnose „bipolare Störung“ kommt. Diese sind im internationalen Diagnoseverzeichnis ICD-10 festgehalten:

 

Medizinische Kriteren einer Manie

  • Eine ausgeprägte Periode abnormer und ständiger gehobener, überschwänglicher oder gereizter Stimmung, die über eine Woche dauert (oder Krankenhausaufenthalt).
  • Während der Periode der Stimmungsstörung halten drei (oder mehr) der folgenden Symptome bis zu einem bedeutsamen Grad beharrlich an: 1. übertriebenes Selbstbewusstsein oder Größenwahn | 2. verringertes Schlafbedürfnis (z. B. Erholungsgefühl nach nur drei Stunden Schlaf) | 3. gesprächiger als üblich oder Drang zum Reden | 4. Ideenflucht oder subjektives Gefühl, dass die Gedanken rasen | 5. Zerstreutheit (Aufmerksamkeit wird zu leicht zu unwichtigen oder belanglosen externen Reizen gezogen) | 6. Zunahme zielgerichteter Aktivitäten (entweder sozial, am Arbeitsplatz oder in der Schule oder sexuell) oder psychomotorische Unruhe | 7. exzessive Beschäftigung mit angenehmen Tätigkeiten, die höchstwahrscheinlich negative Folgen hat (z. B. ungehemmter Kaufrausch, sexuelle Taktlosigkeiten oder törichte geschäftliche Investitionen)
  • Die Stimmungsstörung ist hinlänglich schwer, um eine ausgeprägte Beeinträchtigung in beruflichen Aufgabengebieten oder unübliche soziale Aktivitäten oder Beziehungen mit anderen zu bewirken oder sie erfordern einen Krankenhausaufenthalt, um Selbst- oder Fremdschädigung zu verhindern, oder es gibt andere psychotische Merkmale.
  • Die Symptome sind nicht durch direkte physiologische Effekte einer Substanz (z. B. Drogenmissbrauch, Medikamente oder andere Behandlungen) oder eine generelle medizinische Verfassung (z. B. Überfunktion der Schilddrüse) verursacht.

 

Medizinische Kriteren einer Hypomanie

  • Eine mindestens vier Tage andauernde, ausgeprägte Periode ständig gehobener, überschwänglicher oder gereizter Stimmung, die eindeutig verschieden von der üblichen nichtdepressiven Stimmung ist.
  • Während der Phase der Stimmungsstörung sind drei (oder mehr) der folgenden Symptome (vier, wenn die Stimmung nur gereizt ist) bis zu einem gewissen Grad ständig vorhanden: 1. überhöhtes Selbstwertgefühl oder Größenwahn | 2. vermindertes Schlafbedürfnis (z. B. Erholungsgefühl nach nur drei oder weniger Stunden Schlaf) | 3. gesprächiger als üblich oder Rededrang | 4. Ideenflucht oder subjektive Erfahrung des Gedankenrasens | 5. Zerstreutheit (das bedeutet Fokussierung auf unwichtige oder unerhebliche externe Reize) | 6. Zunahme zielgerichteter Aktivitäten (entweder sozial, beruflich oder in der Schule, oder sexuelle oder psychomotorische Unruhe) | 7. übertriebenes Engagement bei Vergnügungen, die in einem hohen Maße schmerzhafte Konsequenzen nach sich ziehen (z. B. hemmungsloser Kaufrausch, sexuelle Indiskretionen oder leichtsinnige geschäftliche Investitionen)
  • Die Episode wird begleitet von Veränderungen der Leistungsfähigkeit oder des Verhaltens, die für die Person in symptomfreien Phasen uncharakteristisch ist.
  • Die Stimmungsstörung und der Wechsel des Auftretens werden durch Andere beobachtet.
  • Die Episode ist nicht schwer genug, um eine ausgeprägte Beeinträchtigung in sozialen oder beruflichen Aufgabenbereichen zu verursachen oder einen Krankenhausaufenthalt zu erfordern, und es gibt keine psychotischen Merkmale. Die Symptome sind nicht durch direkte physiologische Effekte einer Substanz (z. B. Drogenmissbrauch, Medikamente oder andere Behandlungen) oder eine generelle medizinische Verfassung (z. B. Überfunktion der Schilddrüse) verursacht.

 

Medizinische Kriteren einer Depression

Die depressive Episode einer bipolaren Erkankung äussert sich durch das Vorhandensein von min. 2 Haupt- und 2-3 Nebensymptome.

Hauptsymptome gemäss ICD-10 sind:

  • Depressive Stimmung, in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmass, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, im Wesentlichen unbeeinflusst von den Umständen.
  • Interessens- und Freudeverlust an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren.
  • Verminderter Antrieb oder geteigerte Ermüdbarkeit

Nebensymptome gemäss ICD-10:

  • Verlust des Selbstvertrauens oder Selbstwertgefühls
  • Unbegründete Selbstvorwürfe oder ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle
  • Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid sowie suizidales Verhalten
  • Klagen über oder Nachweis eines verminderten Denk- oder Konzentrationsvermögens, Unschlüssigkeit oder Unentschlossenheit
  • Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung (subjektiv oder objektiv)
  • Schlafstörungen jeder Art
  • Appetitverlust oder gesteigerter Appetit mit entsprechender Gewichtsveränderung

 

Medizinische Kriteren für eine gemischte Phase

  • Für mindestens eine Woche werden fast jeden Tag sowohl die Kriterien für eine Manische Phase als auch für eine Depressive Phase erfüllt (abgesehen vom Kriterium der Dauer).
  • Die Störung der Stimmung ist schwer genug, um eine ausgeprägte Beeinträchtigung in beruflichen Aufgabengebieten oder unübliche soziale Aktivitäten oder Beziehungen mit anderen zu bewirken, oder sie erfordert einen Krankenhausaufenthalt, um Selbst- oder Fremdschädigung zu verhindern, oder es gibt andere psychotische Merkmale.
  • Die Symptome sind nicht durch direkte physiologische Effekte einer Substanz (z. B. Drogenmissbrauch, Medikamente oder andere Behandlungen) oder eine generelle medizinische Verfassung (z. B. Überfunktion der Schilddrüse) verursacht.

Die bipolare Störung mit einer starken Ausprägung der Manie wird auch als bipolare Störung I bezeichnet. Die Erkrankung mit einer eher moderaten Ausprägung der Manie, also einer Hypomanie, als bipolare Störung II.

Behandlungsmethoden
  1. Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen die Stimmung zu stabilisieren um Manien wie Depressionen frühzeitig zu erkennen und folglich geeignete Massnahmen zu ergreifen. Bis eine Psychotherapie wirkt, vergehen jedoch meist Monate, wenn nicht Jahre. Ein weiteres Problem ist, dass Menschen in manischen Phasen oft keine Krankheitseinsicht haben und sich somit nicht therapieren lassen wollen. Die Therapie erfolgt somit meist in der depressiven Phase.
  2. Medikamente: Bei einer bipolaren Störung sind Medikament sehr häufig alternativlos. Zum einen werden in der depressiven Phase vor allem Antidepressiva eingesetzt, welche beim Wechsel in eine manische Phase abrupt abgesetzt werden. In den manischen Episoden werden die Antidepressiva durch Neuroleptika ersetzt. Als effektivste Therapie haben sich jedoch sogenannte Stimmungsstabilisatoren (mood-stabilizers) erwiesen. Diese werden prophylaktisch eingenommen um depressive sowie manische Phasen erst gar nicht entstehen zu lassen.

Hier sind nur die schulmedizinischen Behandlungsmethoden aufgeführt. Besonders bei leichten Beschwerden können Methoden wie Atemübungen, Alternativmedizin, autogenes Training etc. weiterhelfen. Ebenfalls als sehr wirksam hat sich Sport (insbesonders Ausdauersport) erwiesen. Nötig sind dafür mind. 3 Trainingseinheiten an jeweils 20-30min die Woche.

Statistiken
  • Die Warscheinlichkeit einmal im Leben an einer bipolaren Störung zu erkranken liegt bei 1-5%
  • Männer sind gleich häufig betroffen wie Frauen
  • Das durchschnittliche Alter der Ersterkrankung liegt bei ca. 18 Jahren
  • Ungefähr 25 % bis 50 % aller Menschen mit bipolarer Störung unternehmen mindestens einen Suizidversuch
  • Die Suizidrate bei manisch-depressiven Erkrankungen, also bipolaren Störungen, liegt bei 10-20%
  • Die bipolare Störung I (Manie) kommt gleich häufg vor wie der Typ II (Hypomanie)
  • Die Wechselfrequenz zwischen Depression und Manie erhöht sich im Laufe der Krankheit.
  • 81% der Patienten, die eine affektive Störung (Depression und bipolare Störung) haben, leiden unter einer weiteren psychischen Störung ( z.B. Angststörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Substanzmissbrauch etc.).