Cannabinoide | Handelsnamen: Sativex, Dronabinol, Nabilon etc.

Allgemeine Informationen

Cannabis* wird aus den Blüten und dem Harz der weiblichen Hanfplanze gewonnen. Zentral für die rauscherzeugende Wirkung, aber vermutlich auch für die medizinische Verwendung, ist der Inhaltsstoff Tetrahydrocannabinol (THC). Die medizinische Verwendung weiterer natürlicher Cannaboide wie z.B. jene von Cannabidiol (CBD) wird akutell erforscht. Obwohl es sich bei Cannabis um ein pflanzliches Produkt handelt, darf weder das Potenzial noch das Risiko einer Anwendung unterschätzt werden.

Die Wirkung von Cannabis bei Depressionen, Angststörungen und bipolaren Erkrankungen ist umstritten. Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Während die Substanz bei mehreren Menschen die Beschwerden drastisch verschlimmerte, verbesserten sich bei einigen die Symptome. Eine abschliessende Beurteilung ist bis Dato nicht möglich. Sicher ist jedoch, dass die Anwendung von Cannabis bei den erwähnten Erkrankungen mit erheblichen Risiken verbunden ist und nicht als Mittel erster Wahl dient. Folglich sind bei gewissen Fertigarzneimitteln psychische Beschwerden gar kontraindiziert. Was psychotische Erkrankungen anbelangt ist die Faktenlage hingegen klar: Cannabis darf bei Psychosen keinesfalls verwendet werden.

Cannabis hat einen starken Einfluss auf das Lenken vor Fahrzeugen und das Bedienen von Maschinen. Auch bei legalem Konsum gilt absolutes Fahrverbot. Cannabiskonsum kann -je nach Testverfahren- über Wochen hinweg nachgewiesen werden. Bezüglich Alkohol wurden Wechselwirkungen festgestellt, jedoch noch nicht abschliessend erforscht. Die kombinierte Einnahme beider Substanzen wird daher nicht empfohlen. Cannabis kann (muss aber nicht) bei intensivem Konsum psychisch abhängig machen.

Cannabis bzw. THC ist in der EU sowie in der Schweiz offiziell als Betäubungsmittel klassifiziert. Der Besitz ohne ärztliches Rezept ist strafbar. Ebenfalls strafbar ist der Verkauf oder die kostenlose Weitergabe ohne entsprechende Lizenz. Weiters zur rechtlichen Situation und den legalen Anwendungsgebieten siehe „Indikation“.

*In diesem Text wird Cannabis umgangssprachlich verwendet.

Indikation

Primär ist Cannabis bezüglich der Behandlung von Spasmen (erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur wie sie beispielsweise bei Multipler Sklerose vorkommt), Übelkeit/Erbrechen bei Chemotherapie, neuropathischen Schmerzen, Anorexie mit Gewichtsverlust bei HIV/AIDS, Tumorschmerzen und dem Lennox-Gastaut- sowie dem Dravet-Syndrom (spezielle Formen der Epilepsie) erforscht. Studien bezüglich anderer Erkrankungen sind im Gange.

Die gesetzlichen Einschränkungen bzw. die Hürden zur Anwendungsmöglichkeit von Cannabis als Medikament unterscheiden sich je nach Staat sehr stark. Allerdings sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz Cannabis-Produkte erhältlich. Während  beispielsweise in der Schweiz die Zulassung auf die Spastizität bei Multipler Sklerose eingeschränkt ist (für alle anderen Indikationen braucht es eine explizite Genehmigung des Bundesamtes für Gesundheit), hat Deutschland darauf verzichtet spezifische Indikationen zu definieren. Dies ermöglicht, dass Cannabis für sämtliche Beschwerden verordnet werden kann, wenn „eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung im Einzelfall nicht zur Verfügung steht“ oder wenn diese Leistung „im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann“. In Österreich sind THC-haltige Fertigarzneimittel auf Suchtrezeptverordnung erhältlich.

Dosierung & Anwendung

Die Dosierung und Einnahme hängt vom jeweiligen Präparat ab. Je nach Staat gibt es unterschiedliche Arzneimittel, meist in Form von Mundsprays, Tropfen aber auch Kapseln. Cannabispräparate müssen langsam aufdosiert werden.

Beispiel Nabiximols (Sativex-Mundspray): Das Medikament enthält sowohl THC als auch CDB. Angefangen wird in der Regel mit einem Sprühstoss am Abend. Anschliessend wird die Dosis langsam gesteigert bis die optimale Balance zwischen Wirkung und Nebenwirkungen gefunden wird. Dabei kann nach 4-5 Tagen auch versucht werden zusätzlich eine geringe Dosis am Morgen zu verwenden. Die maximale Dosierung beträgt 5 Sprühstösse am Morgen und 7 am Abend. Sie sollte frühstens nach 14 Therapietagen erreicht werden.

Beispiel Dronabinol (Kapseln oder Tropfen): Das Medikament enthält THC. Genaue Angaben zur Dosierung sind nicht möglich, da je nach Staat (und teilweise sogar Apotheke) das Verhältnis zwischen THC und Füllstoffen anders ist.

Beispiel Nabilon (Kapseln): Das Medikament enthält ein syntetisches Cannaboid, welches mit THC vergleichbar ist. Auch Nabilon wird langsam aufdosiert. Die maximale Dosis beträgt 3x2mg über den Tag verteilt.

Die Dosierung muss von einem Arzt individuell festgelegt werden und kann somit von den hier erwähnten Angaben abweichen. Ändern Sie nie die Dosis im Alleingang (weder erhöhen noch reduzieren), auch wenn sich Ihr Gesundheitszustand verändert hat. Halten Sie immer zunächst Rücksprache mit Ihrem Arzt!

Wirkungseintritt & Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: je nach Applikationsform unterschiedlich

Halbwertszeit: 4-5 Stunden

Bioverfügbarkeit: je nach Applikationsform unterschiedlich

Wirkungseintritt: je nach Applikationsform unterschiedlich

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

 

Nebenwirkungen im Detail

Die Nebenwirkungen beziehen sich auf klinische Studien mit dem Medikament Nabiximols (Sativex). Nabiximols enthält sowohl THC als auch CBD und ist primär als Mundspray erhältlich. Nebenwirkungen anderer Inhaltsstoffe von Cannabis sind nicht berücksichtigt. Auch nicht aufgeführt sind die unerwünschten Wirkungen anderer Applikationsformen.

Sehr häufig (mehr als 10%): Schwindelanfälle, Müdigkeit, gerötete Augen.

Häufig (1-10%): Erhöhter oder verminderter Appetit, Depressionen, Desorientierung, Dissoziation (z.B. Depersonalisation/Derealisation), euphorische Stimmung, Amnesie, Gleichgewichtsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Sprechstörungen, Störung des Geschmacksempfindens, Lethargie, Gedächtnisstörungen, Schläfrigkeit, verschwommenes Sehen, Verstopfungen, Durchfall, Mundtrockenheit, Blutarmut, Entzündung der Mundschleimhaut, Übelkeit, Unbehagen, Schmerzen in der Mundhöhle, Erbrechen, Schwächeanfälle, Tunkenheitsgefühl, Stürze.

Gelegentlich (0.1-1%): Rachenentzündung, Halluzinationen, Sinnestäuschungen, Suizidgedanken, Wahnvorstellungen einschliesslich Paranoia, Bewusstlosigkeit, Herzklopfen, Herzrasen, Hypertonie, Bauchschmerzen, Mundschleimhautverfärbung, Mundschleimhautstörungen, Ablösung der Mundschleimhaut, Zahnverfärbung.

Selten (0.01-0.1%): keine

Warnung: Eine gelegentliche aber umso gravierendere Nebenwirkung kann das Auftreten bzw. die Verstärkung von Suizidgedanken sein. Wenden Sie sich in einem solchen Fall sofort an einen Arzt! Des Weiteren haben erste Studien am Menschen ergeben, dass Cannabiskonsum das Risiko an einer Schizophrenie zu erkranken massiv erhöht. Zudem wird aktuell der Zusammenhang von Cannabiskonsum und Angststörungen (insbesondere der Panikstörung) erforscht.

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet.

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Absolut kontraindiziert sind:

  • Überempfindlichkeit
  • Psychotische Erkrankungen (z.B. Schizophrenie)
  • Angst- und Panikstörungen
  • Herzerkrankungen (Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris, Herzinfarkt etc.)
  • Suizidalität
  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Der Einsatz bei Depressionen und bipolaren Störungen wird nicht empfohlen

 

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Es liegen nur beschränkte Erfahrungen zu Wechselwirkungen mit anderen Psychopharmaka vor. Auf den Einsatz von Neuroleptika, Stimulanzien, Antihistaminika, Antidepressiva, Barbituraten, Benzodiazepinen & Z-Drugs sowie Muskelrelaxanzien sollte während einer Cannabis-Therapie verzichtet werden bzw. eine kombinierte Einnahme nur unter strenger ärztlicher Überwachung erfolgen.

Bei der Kombination von Opiaten/Opioiden mit Cannabis kann es zu einer gegenseitigen Verstärkung der schmerzlindernden Wirkung kommen. Dieser Effekt kann durchaus erwünscht sein, doch muss auch diese Kombination ärztlich eng überwacht werden.

Die Einnahme von Alkohol während einer Cannabis-Therapie kann mit einer erhöhten Sturzgefahr und dem Risiko von weiteren Unfällen verbunden sein kann. Die Wechselwirkungen beider Substanzen sind noch nicht abschliessend erforscht.

Weitere Interaktionen sind nicht auszuschliessen.

 

 

Schwangerschaft & Stillzeit

Cannabis darf nicht während der Schwangerschaft verwendet werden. Zudem ist im Hinblick auf die beachtlichen Mengen von Cannabinoiden, die in der Muttermilch übertreten eine Gefahr von Entwicklungs­störungen bei Kindern klar gegeben. Cannabis ist somit bei Schwangerschaft und in der Stillzeit absolut kontraindiziert!

Der Autor hat keine Beziehungen zu den Herstellern und ist nicht am Verkauf der erwähnten Produkte beteiligt.
Cannabis bzw. THC ist in allen deutschsprachigen Ländern gesetzlich als Betäubungsmittel klassifiziert. Der Besitz
ohne ärztliches Rezept sowie der Handel und die kostenlose Weitergabe ohne Lizenz sind strafbar.
Die Einnahme muss ärztlich überwacht werden.