Wie entstehen Depressionen?

Es gibt zwei Erklärungsansätze wie Depressionen entstehen, welche sich jedoch nicht widersprechen.

Das neurobiologische Erklärungsmodell geht davon aus, dass Depressionen auf ein Ungleichgewicht der Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn zurückgehen. Allen voran soll ein Mangel des Botenstoffs Serotonin im synaptischen Spalt die Ursache sein. Ebenfalls häufig betroffen sei der Neurotransmitter Noradrenalin. Ferner gibt es Hinweise, dass auch die Botenstoffe Dopamin, Glutamat und Melatonin einen Einfluss haben.

Die sogenannte „Serotonin-Hypothese“ wurde in Tierversuchen belegt, ist jedoch nach wie vor umstritten. Wäre es nur das Serotonin (so die Aussage der Kritiker), so müssten Antidepressiva allen Menschen helfen, was nachweislich nicht der Fall ist. Nur rund 30% der Betroffenen reagieren ausreichend auf ihre Erstmedikation. 40 weitere Prozent erst nach mehreren Medikamentenumstellungen und teilweise der Einnahme ganzer Kombinationen. Die restlichen 30% reagieren gar nicht oder nur stark unzureichend auf Antidepressiva.

Sicher ist jedoch, dass bei Depressionen die Chemie im Gehirn der Betroffenen nicht mehr richtig funktioniert. Ob dabei auch Botenstoffe betroffen sind, welche dem Menschen noch unbekannt sind, ist wahrscheinlich.

Wie es zu diesem Ungleichgewicht kommt, versucht das psychologische Erklärungsmodell zu ergründen. Es wurden diverse Studien mit dem Ziel die auslösenden Faktoren für eine Depression zu finden durchgeführt. Die Forscher haben festgestellt, dass Menschen mit familiären Vorbelastungen häufiger von Depressionen betroffen sind als jene, welche keine Verwandten mit Depressionen haben (Stichwort: genetische Veranlagung).

Des weiteren ist Stress ein stark depressionsfördender Faktor. Heute nennt man eine Erschöpfungsdepression „burn-out“. Insbesondere Menschen die längere Zeit über ihrer Belastungsgrenze Tätigkeiten ausüben, sind vermehrt von Depressionen betroffen. Auch Traumata (inkl. Mobbing und Schicksalsschläge) sind nicht von unerheblicher Bedeutung. Diese Traumata können bis in die frühe Kindheit zurückreichen oder aktuell auftreten. Es wird vermutet, dass ein Trauma hirnorganische Veränderungen auslöst, welche das Risiko von Depressionen betroffen zu sein steigert.

Neben Angststörungen ist die häufigste Komorbidität (das gemeinsame Auftreten von zwei Krankheiten) Betäubungsmittelmissbrauch (inkl. Alkohol und Cannabis).

Wie äussern sich Depressionen?

Jede Person hat ab und zu einen schlechten Tag, ist traurig, abgekämpft und/oder missmutig. Dies sind normale Gefühlsreaktionen von uns Menschen. Mit der Krankheit „Depression“ hat dies allerdings wenig zu tun.

Depressive Menschen empfinden nur noch negative Gefühle, dauerhaft, bis hin zum „Gefühl“ der Gefühllosigkeit. Nichts kann sie aufheitern. Jede Aufgabe stellt ein fast unzuerklimmender Berg dar, und sei sie noch so klein. Die Betroffenen können sich zu nichts mehr aufraffen, in schwereren Fällen auch nicht um alltägliche Dinge zu tun, wie kochen oder abzuwaschen.

Depressive Menschen verlieren das Interesse an ihrer Umgebung. Nichts was sie früher mal interessierte bereitet ihnen eine Abwechslung. Es ist ihnen fast unmöglich sich abzulenken, da sie auch keine Freude an jenen Sachen emfinden, die ihnen früher einmal Freude bereitet haben. Sie fühlen sich innerlich tot. Dies führt sehr häufig zu einem starken sozialen Rückzug.

Dieser unaushaltbarer Zustand wird dadurch verstärkt, dass depressive Menschen fast immer eine negative Zukunftsperspektive (vor allem für sich selbst) sehen. Diese Hoffnungslosigkeit spiegelt sich in den Gefühlen wieder, nicht im kognitiven Denken. Der Depressive weiss in seinem rationalen Verstand, dass wieder bessere Zeiten kommen, nur fühlt er dies emotional nicht. Die Depression ist ein gefühlsmässig schwarzes Loch. Dies und die Qualen der Krankheit führen dazu, dass die Krankheit „Depression“ in einigen schweren Fällen tödlich enden kann (Suizid).

Doch damit nicht genug. Zu diesem ohnehin schon katastrophalen Zustand kommen noch Begleitbeschwerden hinzu. Eine Depression Tags durch auszuhalten ist mit einem enormen Kraftakt verbunden. Es geht jeden Tag ums nackte Überleben. Umso wichtiger wäre es Nachts gut schlafen zu können, doch weit gefehlt. Schlafstörungen sind eine der häufigsten Nebenerscheinungen von Depressionen. Manche können fast nicht einschlafen, andere wachen mitten in der Nacht auf. Um beispielsweise zu lesen hat man keine Kraft, keine Lust, ist müde (und kann trotzdem nicht schlafen) sowie ein weitere häufige Nebenerscheinung: die Konzentrationsfähigkeit ist massiv eingeschränkt. Wäre dies nicht schon ohnehin zu viel des Guten, kann noch ein vermindertes Selbstwertgefühl, Entscheidungsschwierigkeiten, Appetitstörungen, Schuldgefühle und psychomotorische Probleme hinzukommen.

Fast alle betroffenen von schweren Depressionen schildern diesen Zustand als „die Hölle auf Erden“. Jemand der noch nie eine Depression hatte, kann sich auch nicht wirklich einfühlen wie es ist, unter dieser Krankheit zu leiden.

Es braucht Geduld in einem Zustand, indem „Geduld haben“ wohl das Letzte ist, was man gebrauchen kann. Dennoch gibt es Hoffnung. Depressionen, so schlimm Sie sich anfühlen, sind behandelbar (siehe Behandlungsmethoden).

Diagnose & Schweregrade (ICD-10)

Bei Depressionen wird gemäss dem internationalen Diagnoseverzeichnis ICD-10 zwischen 3 Hauptsymptomen und 7 Nebensymptomen unterschieden. Diese Symptome müssen in klinischer Relevanz (ausreichender Stärke) für mindestens 2 Wochen dauerhaft vorhanden sein, bevor man von einer Depression spricht. Je nach Anzahl und Ausgeprägtheit werden Depressionen in „leicht“, „mittelschwer“ oder „schwer“ eingeteilt.

  • Leichte Depression: min. 2 Haupt- und 2 Nebensymptome
  • Mittelschwere Depression: min. 2 Haupt- und 3-4 Nebensymptome
  • Schwere Depression: 3 Haupt- und 5 oder mehr Nebensymptome

Eine Selbstdiagnose zu erstellen ist nicht möglich. Dazu bedarf es der Begutachtung einer Fachperson (Psychiater oder Psychologe). Bei Verdacht auf eine Depression sollte eine solche aufgesucht werden. Erkrankungen, welche behandelt werden, verlaufen in der Regel weniger stark und in kürzerer Zeitdauer.

 

Symptome einer Depression nach dem internationalen Diagnoseverzeichnis ICD-10

Hauptsymptome gemäss ICD-10 sind:

  • Depressive Stimmung, in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmass, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, im Wesentlichen unbeeinflusst von den Umständen.
  • Interessens- und Freudeverlust an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren.
  • Verminderter Antrieb oder erhöhte Ermüdbarkeit

Nebensymptome gemäss ICD-10:

  • Verlust des Selbstvertrauens oder Selbstwertgefühls
  • Unbegründete Selbstvorwürfe oder ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle
  • Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid sowie suizidales Verhalten
  • Klagen über oder Nachweis eines verminderten Denk- oder Konzentrationsvermögens, Unschlüssigkeit oder Unentschlossenheit
  • Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung (subjektiv oder objektiv)
  • Schlafstörungen jeder Art
  • Appetitverlust oder gesteigerter Appetit mit entsprechender Gewichtsveränderung

Patienten erwähnen ebenfalls eine Vielzahl anderer Symptome, welche nicht im ICD-10 aufgeführt sind. Dazu gehören vor allem Hoffnungslosigkeit, negatives Denken/Gedankenkreisen, Depersonalisation/Derealisation, sexuelles Desinteresse, selbstverletzendes Verhalten (SVV) und körperliche Beschwerden (z.B. Schmerzen).

Ein ausführlicherer Standarttest stellt z.B. der Fragebogen BDI-II dar. Die Grenzwerte des BDI-II sind folgende:

  • 0-8: Keine Depression
  • 9-13: Minimale Depression
  • 14-19: Leichte Depression
  • 20-28: Mittelschwere Depression
  • 29-63: Schwere Depression

Depressionen treten häufig gemeinsam mit Angststörungen auf (Komorbidität).

Behandlungsmethoden
  1. Psychotherapie: Eine Psychotherapie gilt als sehr effektives Verfahren, welches jedoch einige Zeit braucht bis es wirkt (Monate, wenn nicht Jahre). Dabei gibt es unterschiedliche Formen der Psychotherapie mit dementsprechend verschiedensten Herangehensweisen. Bekannt sind vor allem die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Psychoanalyse.
  2. Medikamente: Neurobiologisch wird vor allem der Mangel des Botenstoffs „Serotonin“ und ferner auch „Noradrenalin“ für Depressionen verantwortlich gemacht. Medikamente versuchen dieses Ungleichgewicht zu korrigieren, in dem sie den Serotonin- und ggf. auch den Noradrenalinspiegel im Gehirn anheben. Das Problem dieser Medikamente ist, dass sie vor allem zu Beginn der Einnahme mit starken Nebenwirkungen verbunden sind und nicht bei allen Menschen gleich gut wirken.
  3. Elektrokrampftherapie (EKT): Eine EKT wird nur dann eingesetzt, wenn schwerste Depressionen behandelt werden müssen und zuvor diverse Behandlungsversuche mit anderen Methoden fehlschlugen (Therapieresistenz). Dem Patienten wird unter Vollnarkose und einem muskelrelaxierenden Mittel ein leichter Stromimpuls durch das Gehirn gleitet, so dass es zu einem künstlichen Krampfanfall kommt. EKT gilt als effektivstes Mittel um schwere Depressionen zu bekämpfen.

Hier sind nur die schulmedizinischen Behandlungsmethoden aufgeführt. Besonders bei leichten Beschwerden können Methoden wie Atemübungen, Alternativmedizin, autogenes Training etc. weiterhelfen. Ebenfalls als sehr wirksam hat sich Sport (insbesondere Ausdauersport) erwiesen. Nötig sind dafür mind. 3 Trainingseinheiten an jeweils 20-30min die Woche.

Formen der Depression

 

Depressive Episode

Als eine depressive Episode bezeichnet man auch die „klassische“ Depression. Meistens haben die Betroffenen selbst bis zu diesem Zeitpunkt keine Erfahrungen mit Depressionen oder diese liegen bereits länger zurück. Die Dauer einer depressiven Episode beträgt im Durchschnitt 6 Monate. Bei einer Behandlung (z.B. dem Ansprechen auf ein Medikament) kürzer. Dies sagt jedoch nichts über den Einzelfall aus. Es gibt Menschen, die leiden markant länger oder kürzer an dieser Form der Depression.

Nach erfolgreicher Therapie verschwinden die Symptome meist gänzlich und der Patient kann sein Leben ohne grössere Einschränkungen weiterführen. Zu einem Rückfall kommt es nicht oder nur in sehr grossen Zeitabständen.

 

Rezidivierende Depression

Rezidivierende Depressionen sind zyklisch immer wiederkehrende depressive Episoden. Die symptomfreie Zeit zwischen diesen Schüben ist unterschiedlich lang. Im Durchschnitt beträgt sie 4-6 Jahre. Rezidivierende Depressionen sind die häufigste Form der Erkrankung. Meist wird versucht durch die kontinuierliche Einnahme von Medikamenten (vor allem Antidepressiva und Stimmungsstabilisatoren bzw. mood-stabilizers) einen Rückfall zu verhindern. Dies bedeutet folglich, dass viele Menschen mit einer rezidivierenden Depression ihr Leben lang Medikamente einnehmen müssen, also auch dann, wenn sie symptomfrei sind. Zudem soll eine intensive Psychotherapie helfen den Patienten zu stabilisieren.

 

Dysthymie (chronische Depression)

Bei einer Dysthymie ist der Patient nie symptomfrei, anders als z.B. bei der rezidivierenden Depression. Diese Form der Erkrankung verläuft oft auf dem Niveau einer leichten Depression mit gelegentlichen Tiefschlägen. Sehr selten sind chronische Depressionen, welche über Jahre hinweg als „schwer“ eingestuft werden. Die Behandlung einer Dysthymie bzw. einer chronischen Depression gilt als schwierig (aber nicht unmöglich). Es kann sein, dass die Medikamente den Patienten auf tiefen Niveau stabilisieren, so dass wenigstens die Tiefschläge verhindert werden. Eine Remission (Beseitigung aller Symptome) erreicht die betroffene Person mittels Medikation jedoch nicht. Von einer Dysthymie spricht man in der Regel erst, wenn die Depression mindestens zwei Jahre oder länger andauert.

 

Psychotische Depression

Von einer psychotischen Depression spricht man, wenn neben der depressiven Episode zusätzlich psychotische Anzeichen wie Wahnideen auftreten. Diese können sich u.a. in einem Verarmungswahn, Verschuldungswahn, Versündigungs- oder Verkleinerungswahn äussern. Beispielsweise kann jemand mit einer psychotischen Depression felsenfest von Dingen überzeugt sein (z.B. das Verschulden der Krankheit AIDS), die er unmöglich begangen haben kann (Verschuldungswahn). Durch realitätsbezogene Gespräche ist der Betroffene nicht von seinen Wahnideen abzubringen.

Die Symptomatik ist oft schwerer und die Dauer der depressiven Episoden länger als bei einer Depression ohne zusätzliche wahnhafte Anzeichen. Diese schwere Form der Depression kommt äusserst selten vor.

Statistiken
  • Die Wahrscheinlichkeit einmal im Leben an einer Depression zu erkranken liegt bei 15-25%
  • Der Geschlechtsunterschied zwischen Frauen und Männern beträgt 2:1 „zugunsten“ der Frauen
  • Das durchschnittliche Erkrankungsalter (Peak) liegt bei 35 Jahren
  • 50% der Betroffenen erkranken vor ihrem 40. Lebensjahr an einer Depression
  • Das durchschnittliche Erkrankungsalter bei jenen über 40 liegt zwischen 50 und 60 Jahren
  • Im Verlaufe der Zeit wurde (und wird immer noch) das Alter der Ersterkrankungen immer tiefer bzw. jünger
  • Mindestens 50% aller Depressionen sind rezidivierend (also wiederkehrend)
  • Eine depressive Phase dauert im Durchschnitt 6 Monate ohne Therapie
  • Die Suizidrate beträgt zwischen 10 und 15 Prozent (1% pro Jahr)
  • Bis zu 81% der Patienten, die eine affektive Störung (Depression und bipolare Störung) haben, leiden unter einer weiteren psychischen Erkrankung ( z.B. Angststörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Suchterkrankung etc.).
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