Antidepressivum (SSRI) | Handelsnamen: Fevarin, Floxyfral, Luvox sowie div. Generika

Allgemeine Informationen

Fluvoxamin wurde vom Chemieunternehmen Solvay entwickelt und 1984 zunächst in der Schweiz eingeführt. Die Markteinführung in den USA und Japan erfolgte wenig später. Heute ist das Medikament auch in Deutschland und Österreich erhältlich. Fluvoxamin wird unter den Handelsnamen Fevarin, Flox-Ex und Floxyfral vertrieben. Ein weiterer Name ist Lovox, auch als Generikum ist es erhältlich.

Das Medikament ist ein Antidepressivum und gehört zur Gruppe der „selektiven Serotonin Wiederaufnahme-Hemmer“ (SSRI). Zugelassen ist es ab dem 18. Altersjahr zur Behandlung von Depressionen und bereits ab dem 8. Altersjahr zur Behandlung von Zwangsstörungen. Zwangsstörungen sind heute der häufigste Grund einer Fluvoxamin-Therapie, gegen Depressionen wird es seltener verwendet. Bezüglich der Fahrtüchtigkeit und dem Bedienen von Maschinen gibt es keine Einschränkungen. Dennoch sollten Sie zunächst abwarten um zu sehen, wie Sie auf die Substanz reagieren. Bezüglich Alkohol sind diverse Wechselwirkungen bekannt. U.a. führt die gleichzeitige Einnahme mit Alkohol zu einer zusätzlichen Beeinträchtigung der Reaktionsbereitschaft und Psychomotorik. Folglich sollte der Alkoholkonsum während einer Fluvoxamin-Therapie vermieden werden.

Fluvoxamin unterscheidet sich durch seine chemische Struktur von den meisten anderen SSRI. Dennoch wirkt es genauso wie alle anderen Medikamente seiner Wirkstoffklasse. Es hemmt selektiv die Wiederaufnahme von Serotonin ohne andere bekannte Botenstoffe (wie z.B. Noradrenalin oder Dopamin) nennenswert zu beeinflussen. Auch hat es kaum anticholinerge oder antihistaminische Eigenschaften.

Gemäss diverser Studien treten sexuelle Funktionsstörungen bei Fluvoxamin seltener auf als bei anderen SSRI/SNRI.

Indikation
  • Depression (inkl. Rezidivprophylaxe)
  • Zwangsstörungen (ab 8J)

Die Indikation richtet sich nach den Fachinformationen für Ärzte des Schweizer Arzneimittelkompendiums. Fachinformationen des Deutschen bzw. Österreichischen Kompendiums sind für uns und auch die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Gemäss unserer Recherchen decken sich die Angaben der deutschsprachigen Arzneimittelkompendien weitgehend.

Dosierung & Anwendung

Einnahme: 1x täglich Morgens unabhängig der Mahlzeiten.
Ausnahmen: Bei hoher Dosis in 2 Gaben (Morgens-Abends) aufteilen.
Die Einnahme muss täglich erfolgen (also nicht nur bei unmittelbarem Bedarf).

Dosierung Kinder: 25-100 mg (pro Tag)
Dosierung Jugendliche: 50-200mg (pro Tag)
Dosierung Erwachsene: 100-300mg (pro Tag)

Die Dosierung muss von einem Arzt individuell festgelegt werden. Die Dosis kann somit von der Standartdosierung abweichen. Je nachdem ist eine höhere oder tiefere Dosis erforderlich.

Antidepressiva werden grundsätzlich langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass im Normalfall mit der niedrigsten Dosis angefangen und diese (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis erhöht wird. So sollen die Nebenwirkungen minimiert werden.

Gleich verhält es sich beim Absetzen des Medikamentes. Die Dosis wird über Tage bis Wochen hinweg langsam reduziert (auch bekannt als das „Ausschleichen“). So sollen Absetzerscheinungen verhindert werden.

Ändern Sie nie die Dosis im Alleingang (weder erhöhen noch reduzieren), auch wenn sich Ihr Gesundheitszustand verändert hat. Halten Sie immer zunächst Rücksprache mit Ihrem Arzt!

 

Wirkungseintritt & Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: nach 3-8 Stunden

Halbwertszeit: 15 Stunden

Bioverfügbarkeit: 53%

Wirkungseintritt: nach 2-5 Wochen

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

Nebenwirkungen im Detail

Sehr häufig (mehr als 10%): keine

Häufig (1-10%): Magersucht, Erregung, Angst, Benommenheit, Schlaflosigkeit, Zittern, Bewusstseinsstörungen, Nervosität, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Herzrasen, Bauchchmerz, Verstopfung, Durchfall, Mundtrockenheit, Verdauungsstörungen, Übelkeit, Erbrechen, vermehrtes Schwitzen, Kraftlosigkeit, Unwohlsein.

Gelegentlich (0.1-1%): Halluzinationen, Verwirrung, Aggression, Störung der Bewegungskoordination, Störung des Bewegungsablaufes, Blutdruckprobleme, Überempfindlichkeitsreaktionen wie z.B. Ausschläge oder Ödeme, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, Libidoverlust.

Selten (0.01-0.1%): Manie, Krämpfe, Leberfunktionsstörungen, Lichtempfindlichkeit, Austreten von Milch aus der weiblichen Brust ohne Schwangerschaft/Stillzeit.

Warnung: Eine seltene aber umso gravierendere Nebenwirkung zu Beginn der Einnahme oder bei einer Dosiserhöhung kann das Auftreten bzw. die Verstärkung von Suizidgedanken sein. Wenden Sie sich in einem solchen Fall sofort an einen Arzt!

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Die meisten Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Absolut kontraindiziert sind:

  • gleichzeitig mit Tizanidin, Agomelatin oder Ramelteon
  • 7 Tage vor, während und bis 2 Wochen nach irreversiblen MAO-Hemmern
  • 7 Tage vor, während und bis 1 Tag nach reversiblen MAO-Hemmern
  • Schwangerschaft & Stillzeit

 

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Fluvoxamin kann den Metabolismus von anderen Arzneimittel, die von gewissen Isoenzymen des Cytochroms P450 (CYPs) metabolisiert werden, hemmen. Eine starke Hemmung wurde für die Isoenzyme CYP1A2 und CYP2C19 in in vitro und in vivo Studien gezeigt. CYP2C9, CYP2D6 und CYP3A4 werden in geringerem Ausmass inhibiert. Bei Arzneimitteln, die vorwiegend durch diese Isoenzyme metabolisiert werden, kann die Plasma-Konzentration des Wirkstoffes bzw. des aktiven Metaboliten bei gleichzeitiger Anwendung von Fluvoxamin erhöht sein. Bei der gleichzeitigen Einnahme des Medikaments mit diesen Arzneimitteln sollte am unteren Ende ihres Dosisbereichs begonnen werden oder die Dosis entsprechend angepasst werden. Plasmakonzentrationen, Wirkungen oder Nebenwirkungen der gleichzeitig verabreichten Arzneimittel sollten überwacht werden und die Dosis sollte wenn notwendig reduziert werden. Dies ist besonders relevant für Arzneimittel mit einer geringen therapeutischen Breite.

Bei Prodrugs wie Clopidogrel, die durch die oben erwähnten Isoenzymen des Cytochroms P450 (CYPs) aktiviert werden, kann die Plasma-Konzentration des Wirkstoffes bzw. des aktiven Metaboliten bei gleichzeitiger Anwendung des Medikaments reduziert sein. Als Vorsichtsmassnahme sollte von der gleichzeitigen Anwendung von Clopidogrel und Fluvoxamin abgeraten werden.

Bei der Verabreichung von 2 mal täglich 100 mg des Wirkstoffs in Form von Filmtabletten während 3 Tagen vor der gleichzeitigen Verabreichung einer Einzeldosis von 16 mg Ramelteon und Fluvoxamin Filmtabletten, erhöhten sich die AUC für Ramelteon um etwa das 190-fache und die Cmax um etwa das 70-fache im Vergleich zur alleinigen Verabreichung von Ramelteon.

Die gleichzeitige Anwendung des Medikaments und Arzneimittel mit einer geringen therapeutischen Breite (wie z.B. Tacrin, Theophyllin, Methadon, Mexiletin, Phenytoin, Carbamazepin, Ciclosporin) sollte sorgfältig überwacht werden, wenn diese Arzneimittel ausschliesslich oder von einer Kombination von CYPs metabolisiert werden, die durch Fluvoxamin gehemmt werden.

Es wurde über eine Erhöhung von zuvor stabilen Plasmaspiegeln jener trizyklischen Antidepressiva (z.B. Clomipramin, Imipramin, Amitriptylin) und Neuroleptika (z.B. Clozapin, Olanzapin, Quetiapin) berichtet, welche weitgehend über Cytochrom P450 1A2 metabolisiert werden, wenn sie gleichzeitig mit Fluvoxamin verabreicht wurden. Eine Dosisreduktion dieser Arzneimittel muss erwogen werden, wenn eine Therapie mit Fluvoxamin begonnen wird.

Ein Anstieg der Plasmakonzentration von oxidativ metabolisierten Benzodiazepinen (z.B. Triazolam, Midazolam, Bromazepam, Brotizolam, Alprazolam und Diazepam) ist bei gleichzeitiger Anwendung von Fluvoxamin wahrscheinlich. Die Dosis dieser Benzodiazepine sollte deshalb während der Koadministration mit Fluvoxamin reduziert werden.

Die Plasmakonzentration von Ropinirol kann bei gleichzeitiger Anwendung des Medikaments erhöht sein und damit das Risiko der Überdosierung zunehmen. Eine Überwachung und eine Reduktion der Ropinirol-Dosierung während der gleichzeitigen Behandlung mit und nach dem Absetzen von Fluvoxamin können erforderlich sein.

Da die Plasmakonzentrationen von Propranolol in Kombination mit dem Wirkstoff erhöht sind, könnte eine Reduktion der Propranolol Dosis notwendig werden.

Eine gleichzeitige Verabreichung von Tizanidin mit Fluvoxamin, einem starken CYP1A2-Hemmer beim Menschen, ist kontraindiziert. Es wurde gezeigt, dass das Medikament die AUC von Tizanidin um das 33fache erhöht. Daraus kann es zu klinisch signifikantem und anhaltendem Blutdruckabfall kommen, begleitet von Schläfrigkeit, Benommenheit und verminderter psychomotorischer Fähigkeit.

Als starker CYP1A2- und moderater CYP2C9-Inhibitor hemmt Fluvoxamin deutlich den Metabolismus von Agomelatin. Dies führt zu einem 60-fachen (12- bis 412-fachen) Anstieg der Agomelatin-Exposition. Daher ist die gleichzeitige Anwendung des Wirkstoffs und Agomelatin kontraindiziert.

Als Fluvoxamin gleichzeitig und während 2 Wochen mit Warfarin verwendet wurde, stiegen die Plasmakonzentrationen von Warfarin signifikant an und die Prothrombin-Zeiten wurden verlängert. Deshalb sollte die Prothrombin-Zeit von Patienten, die zusammen Antikoagulantien und Fluvoxamin erhalten, überwacht und die Antikoagulans-Dosis entsprechend angepasst werden.

Das Medikament wird teilweise über das Isoenzym CYP2D6 metabolisiert, für welches ein genetischer Defekt bekannt ist. Deshalb ist Vorsicht geboten bei gleichzeitiger Verabreichung von Fluvoxamin und CYP2D6-hemmenden Arzneimitteln (z.B. Chinidin).

Der Wrikstoff hat nur einen unbedeutenden Hemmungseffekt auf CYP2D6 und scheint den nichtoxidativen Metabolismus oder die renale Ausscheidung nicht zu beeinflussen.

Einzelne Fälle von kardialer Toxizität wurden berichtet, wenn Fluvoxamin mit Thioridazin kombiniert wurde.

Es ist wahrscheinlich, dass die Koffein-Plasmakonzentration bei gleichzeitiger Anwendung von Fluvoxamin ansteigt. Deshalb sollten Patienten mit einem hohen Konsum koffeinhaltiger Getränke diesen einschränken, wenn Fluvoxamin eingenommen und unerwünschte Koffeinwirkungen (wie Tremor, Palpitationen, Nausea, Ruhelosigkeit, Schlaflosigkeit) beobachtet werden.

Fluvoxamin beeinflusst nicht die Plasmakonzentration von Digoxin.
Fluvoxamin beeinflusst nicht die Plasmakonzentration von Atenolol.

Fluvoxamin ist in Kombination mit Lithium bei der Behandlung von Patienten mit schwerer, therapieresistenter Depression eingesetzt worden. Lithium (und möglicherweise Tryptophan) verstärken jedoch die serotonergen Wirkungen von Fluvoxamin und die Kombination sollte daher mit Vorsicht verwendet werden.

Die serotonergen Wirkungen können ebenfalls erhöht werden, wenn Fluvoxamin mit anderen serotonergen Wirkstoffen (z.B. Clomipramin, Triptane, SSRI, Venlafaxin, Mirtazapin, Nefazodon, Buspiron) kombiniert wird; es könnte in seltenen Fällen dabei zu einem Serotoninsyndrom kommen.

Vorsicht ist bei Patienten geboten, die gleichzeitig Arzneimittel einnehmen, welche die Thrombozytenfunktion beeinflussen (z.B. atypische Antipsychotika und Phenothiazine, die meisten Trizyklika, nichtsteroidale Entzündungshemmer); das gleiche gilt für Patienten mit Blutungsstörungen in der Anamnese.

Schwangerschaft & Stillzeit

Fluvoxamin sollte während der Schwangerschaft nur verabreicht werden, wenn es zwingend erforderlich ist.

Nach Einnahme von Fluvoxamin bzw. anderen SSRI’s am Ende der Schwangerschaft, traten bei einigen Neugeborenen folgende Absetzsymptome auf: Ess- und Schlafstörungen, Atmungsschwierigkeiten, bläuliche Verfärbung der Haut, Atemunterbrüche, Krampfanfälle, Temperaturschwankungen, zu niederiger Blutzuckerspiegel, Tremor, abnormale Muskelspannungen, gesteigerte Reflexbereitschaft, Erbrechen, abnormale Irritabilität, Überspanntheit, Lethargie, Schläfrigkeit und anhaltendes Weinen.

Eine SSRI-Exposition in der späten Schwangerschaft kann das Risiko für eine persistierende pulmonale Hypertonie beim Neugeborenen (PPHN) erhöhen.

Fluvoxamin tritt in die Muttermilch über. Es wird angenommen, dass das gestillte Kind ca. 5% der täglichen Dosis der Mutter erhält. Falls eine Behandlung mit Fluvoxamin notwendig ist, soll abgestillt werden.

Studien

Vergleich mit Placebo: Für die Studie wurden 128 Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren ausgewählt, die an einer sozialen Phobie, krankhaften Trennungsängsten oder generalisierten Ängsten litten und bei denen eine dreiwöchige psychologische Behandlung keinen Erfolg zeigte. Die Kinder erhielten randomisiert während acht Wochen Fluvoxamin (bis zu maximal 300 mg/Tag) oder ein Placebo. Zur Beurteilung der Krankheit wurden verschiedene psychiatrische Mess-Skalen wie die Pediatric Anxiety Rating Scale (0 bis 25 Punkte; die hohen Punkte zeigen die starken Ängste an) und die Clinical Global Impressions-Improvement Scale zu Grunde gelegt.

Die zweimonatige Therapie mit Fluvoxamin zeigte einen deutlichen Erfolg: So sank bei den Kindern der mit Fluvoxamin das Ausmass der Angst um 9,7 Punkte (beurteilt nach der Pediatric Anxiety Rating Scale), bei den Kindern der Vergleichsgruppe um 3,1 Punkte (p kleiner als 0,001). Beurteilte man die Therapie nach der Clinical Global Impressions-Improvement Scale, so sprachen 76% der Verumgruppe auf die Therapie an, in der Vergleichsgruppe waren es hingegen nur 29% (p kleiner als 0,001).

Vergleich mit Clomipramin: Gemäss einer 10 Wöchengen Studie von 1996 wirkt Fluvoxamin (255mg/Tag) bei Zwangsstörungen gleich gut wie Clomipramin (201mg/Tag).

 

Der Autor hat keine Beziehungen zu den Herstellern und ist nicht am Verkauf der erwähnten Produkte beteiligt.
Dieses Medikament ist rezeptpflichtig. Die Einnahme muss ärztlich überwacht werden.