tetrazyklisches Antidepressivum (NaSSA) | Handelsnamen: Tolvin, Tolvon sowie div. Generika

Allgemeine Informationen

Mianserin wurde 1967 von Organon patentiert und wurde 1975 im deutschsprachigen Raum zugelassen.

Das Medikament ist ein tetrazyklisches Antidepressivum (Tetrazyklika) bzw. ein noradrenerges und spezifisch serotonerges Antidepressivum (NaSSA). Es wird unter den Handelsnamen Tolvin und Tolvon vertrieben, auch als Generikum ist es erhältlich. Zugelassen ist das Medikament zur Behandlung von Depressionen. Es wirkt sedierend, u.a. deshalb kann es zu einer Beeiträchtigung der Fahrtüchtigkeit oder dem Bedienen von Maschinen kommen. Mianserin ist ab dem 18. Altersjahr zugelassen. Das Medikament kann die zentralnervöse-depressorische Wirkung von Alkohol potenzieren, deshalb ist auf die Einnahme alkoholischer Getränke während der Behandlung verzichten.

Die vegetativen Nebenwirkungen sind etwas geringer ausgeprägt als bei den meisten Trizyklika, allerdings hat Mianserin ein Risiko lebensbedrohlicher Störwirkungen (Blutbildungsstörungen, darunter Agranulozytose; weitere Knochenmarkschäden), wodurch es in der Regel nicht zu den Erstwahlmitteln bei Depression zählt.

Seit der Markteinführung von Mirtazapin (ebenfalls ein tetrazyklischen Antidepressivum/NaSSA) wird Mianserin nur noch selten verwendet.

Indikation
  • Depression

 

Die Indikation richtet sich nach den Fachinformationen für Ärzte des Schweizer Arzneimittelkompendiums. Fachinformationen des Deutschen bzw. Österreichischen Kompendiums sind für uns und auch die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Gemäss unserer Recherchen decken sich die Angaben der deutschsprachigen Arzneimittelkompendien weitgehend.

Dosierung & Anwendung

Einnahme: ca. 1-2 Stunden vor dem Schlafengehen.
Die Einnahme muss täglich erfolgen (also nicht nur bei unmittelbarem Bedarf).

Dosierung: 30-90mg (pro Tag)

Die Dosierung muss von einem Arzt individuel festgelegt werden. Die Dosis kann somit von der Standartdosierung abweichen. Je nachdem ist eine höhere oder tiefere Dosis erforderlich.

Antidepressiva werden grundsätzlich langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass im Normalfall mit der niederigsten Dosis angefangen und diese (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis erhöht wird. So sollen die Nebenwirkungen minimiert werden.

Gleich verhält es sich beim Absetzen des Medikamentes. Die Dosis wird über Tage bis Wochen hinweg langsam reduziert (auch bekannt als das „Ausschleichen“). So sollen Absetzerscheinungen verhindert werden.

Wirkungseintritt & Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: nach 4-10 Stunden

Halbwertszeit: 17 Stunden

Bioverfügbarkeit: 30%

Wirkungseintritt: nach 2-4 Wochen bei Depressionen / 1-2 Stunden Sediation

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) varieren.

Nebenwirkungen im Detail

Sehr häufig (mehr als 10%): keine

Häufig (1-10%): Gewichtszunahme, Müdigkeit, erhöhte Leberenzyme, Ödeme.

Gelegentlich (0.1-1%): Tiefer Blutdruck, Exantheme, Gelenkschmerzen.

Selten (0.01-0.1%): Blutdyskrasien, Vergrösserung der Brustdrüse beim Mann, Hypomanie, Konvulsionen, unruhige Beine, malignes neuroleptisches Syndrom, Bradykardie, Gelbsucht.

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Einige Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

 

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Absolut kontraindiziert sind:

  • Manie
  • schwere Lebererkrankung
  • 14 Tage vor, während und 14 Tage nach MAO-Hemmer-Therapie inkl. Linezolid
  • Stillzeit

 

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Mianserin kann die zentralnervöse-depressorische Wirkung von Alkohol potenzieren; Patienten sollten deshalb auf die Einnahme alkoholischer Getränke während der Behandlung verzichten.

Mianserin sollte nicht gleichzeitig mit MAO-Hemmern (wie Moclobemid und Tranylcypromin) oder innerhalb von 2 Wochen nach Beendigung einer solchen Therapie verabreicht werden. Auch sollten Patienten, die mit Mianserin behandelt wurden, erst 2 Wochen nach Absetzen eine Behandlung mit MAO-Hemmern beginnen.

Obwohl Mianserin keine Interaktionen mit Bethanidin, Clonidin, Methyldopa, Guanethidin oder Propranolol (alleine oder in Kombination mit Hydralazin) aufweist, ist es empfehlenswert, bei Patienten mit gleichzeitiger antihypertoner Therapie den Blutdruck zu überwachen.

Die gleichzeitige Behandlung mit CYP3A4 Induktoren (wie die Antiepileptika Phenytoin und Carbamazepin oder Phenobarbital) kann zu reduzierten Plasma-Spiegeln von Mianserin führen. Dosisanpassungen sollten in Erwägung gezogen werden, wenn die gleichzeitige Behandlung mit diesen Arzneimitteln begonnen oder beendet wird.

Durch Inhibition von CYP3A4 (z.B Ketokonazol, Erythromycin) kann sich der Mianserin-Plasmaspiegel erhöhen.

Da Mianserin den Metabolismus von Cumarin-Derivaten, wie z.B. Warfarin, beeinflussen kann, ist die Überwachung antikoagulierter Patienten angezeigt.

Das Risiko einer QT-Verlängerung und/oder von ventrikulären Arrythmien (z.B. Torsade de pointes) ist erhöht bei gleichzeitiger Anwendung von anderen Arzneimitteln, welche das QTc-Intervall verlängern (z.B. einige Neuroleptika und Antibiotika).

Schwangerschaft & Stillzeit

Es liegen keine Daten mit Mianserin aus klinisch kontrollierten Studien bei schwangeren Frauen vor. Der Gebrauch von Mianserin wird daher nicht empfohlen.

Falls Mianserin bis zur oder kurz vor der Geburt verabreicht wird, wird eine postnatale Überwachung des Neugeborenen empfohlen, um möglichen Entzugserscheinungen Rechnung zu tragen.

Ist eine Behandlung während der Stillzeit notwendig, soll abgestillt werden.

Studien

Vergleich mit Citalopram: Mianserin erwies sich bei endogener Depression als ebenso gut wirksam wie Citalopram. Dies zeigte eine sechswöchige Doppelblindstudie mit 60 Patienten. Bei Patienten mit nicht-endogener Depression erzielte Mianserin hingegen in einer vierwöchigen Therapie deutlich bessere Resultate als Citalopram.

Bedenken Sie, dass die Studien keine Aussage über das Ansprechen einer individuellen Person aussagt.

Der Autor hat keine Beziehungen zu den Herstellern und ist nicht am Verkauf der erwähnten Produkte beteiligt.
Dieses Medikament ist rezeptpflichtig. Die Einnahme muss ärztlich überwacht werden.