Tetrazyklisches Antidepressivum (NaSSA) | Indikation: Depression
Handelsnamen: Remergil, Remeron und Generika

Allgemeine Informationen

Mirtazapin wurde 1976 erstmals von AkzoNobel (Organon Pharma) patentiert, jedoch erst Mitte der 1990er Jahre in Europa zugelassen.

Mirtazapin ist ein tetrazyklisches Antidepressivum (Tetrazyklika) bzw. ein noradrenerges und spezifisch serotonerges Antidepressivum (NaSSA). Es wird unter den Handelsnamen Remergil und Remeron vertrieben, auch als Generika ist es erhältlich. Zugelassen ist es zur Behandlung von Depressionen bei Personen über 18 Jahren. Mirtazapin wirkt stark sedierend, weshalb die Fahrtüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen beeinträchtigt wird. Die Wirkung von Alkohol kann durch Mirtazapin verstärkt werden, weshalb die Einnahme von Alkohol während der Behandlung zu vermeiden ist. ​

Mirtazapin besetzt im Gehirn spezifische Bindungsstellen der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin und verändert damit den Einfluss dieser auf die Signalübertragung im Gehirn. Insbesondere steigert es indirekt die Freisetzung von Dopamin im präfrontalen Cortex und die noradrenerge Übertragung in kortikal-limbischen Bereichen. Der Serotoninspiegel wird dabei nur unwesentlich beeinflusst.

Dosierung & Anwendung

Einnahme: 1x täglich ca. 1-2 Stunden vor dem Schlafengehen unabhängig der Mahlzeiten.
Die Einnahme muss täglich erfolgen (also nicht nur bei unmittelbarem Bedarf).

Dosierung: 15-45mg

Die Dosierung muss von einem Arzt individuell festgelegt werden. Die Dosis kann somit von der Standartdosierung abweichen. Je nachdem ist eine höhere oder tiefere Dosis erforderlich.

Antidepressiva werden grundsätzlich langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass im Normalfall mit der niedrigsten Dosis angefangen und diese (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis erhöht wird. So sollen die Nebenwirkungen minimiert werden.

Gleich verhält es sich beim Absetzen des Medikamentes. Die Dosis wird über Tage bis Wochen hinweg langsam reduziert (auch bekannt als das „Ausschleichen“). So sollen Absetzerscheinungen verhindert werden.

Wirkungseintritt & Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: nach 2 Stunden

Halbwertszeit: 20-40 Stunden

Bioverfügbarkeit: 50%

Wirkungseintritt: nach 2-4 Wochen bei Depressionen / 1-2 Stunden Sedation

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

Nebenwirkungen im Detail

Sehr häufig (mehr als 10%): Gewichtszunahme, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen und Mundtrockenheit.

Häufig (1-10%): Abnormale Träume, Verwirrtheit, Angstgefühle, Schlaflosigkeit, Lethargie, Schwindel, Tremor, Blutdruck-Probleme, Übelkeit, Druchfall, Erbrechen, Hautausschlag, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, Rückenschmerzen, periphere Ödeme und Erschöpfung.

Gelegentlich (0.1-1%): Manie, Agitiertheit, Halluzinationen, psychomotorische Unruhe, Kribbeln auf der Haut, unruhige Beine, kurze spontane Bewusstlosigkeit, Hypotonie und orale Hypoästhesie.

Selten (0.01-0.1%): Aggression, Muskelzuckungen, Myokardinfarkt, Bauspeicheldrüse-Entzündung, Transaminasen-Anstieg.

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Einige Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

 

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Absolut kontraindiziert sind:

  • 2 Wochen vor, während und bis 2 Wochen nach MAO-Hemmer-Therapie
  • Fortpflanzung bei der Frau
  • Schwangerschaft & Stillzeit

 

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Das Medikament darf nicht gleichzeitig mit Antidepressiva aus der Wirkstoffgruppe der MAO-Hemmer oder bis zu zwei Wochen nach dem Ende einer MAO-Hemmer-Therapie angewendet werden. Umgekehrt sollten etwa zwei Wochen vergehen, bevor man bei Patienten, die mit Mirtazapin behandelt wurden, MAO-Hemmer einsetzt.

Das Medikament beeinflusst, wie Antidepressiva aus der Wirkstoffgruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI/SNRI), den Stoffwechsel des Nervenbotenstoffs Serotonin. Daher ist bei der gleichzeitigen Anwendung mit ähnlichen Wirkstoffen (beispielsweise L-Tryptophan, Triptane, Tramadol, Linezolid, Venlafaxin, Lithium und Präparate mit Johanniskraut) ärztliche Vorsicht ist geboten. Es kann zum Auftreten eines Serotonin-Syndroms kommen. Anzeichen sind unter anderem: Fieber, Muskelsteife und Unruhe.

Das Medikament kann die abstumpfenden Eigenschaften von Benzodiazepinen oder anderen Beruhigungsmittel (insbesondere die meisten Neuroleptika, H1-Rezeptorenblocker, opioide Schmerzmittel) verstärken. Die gleichzeitige Anwendung mit Mirtazapin darf nur mit ärztlicher Vorsicht erfolgen.

Bei Personen, die mit dem Blutverdünner Warfarin behandelt werden, führt das Medikament in Dosierungen von 30 Milligramm pro Tag zu einer gewissen Verstärkung der Gerinnungshemmung. Bei höherer Dosierung von Mirtazapin kann eine stärkere Ausprägung dieses Effekts nicht ausgeschlossen werden. Daher ist die Blutgerinnung in solchen Fällen besonders sorgfältig ärztlich zu überwachen.

Die gleichzeitige Anwendung des Medikamentes mit HIV-1-Proteasehemmern (gegen AIDS), dem Makrolid-Antibiotikum Erythromycin, dem Antidepressivum Nefazodon oder Pilzmitteln aus der Gruppe der Imidazole und Triazole (beispielsweise Ketoconazol) muss vom Arzt sorgfältig überwacht werden, da diese Wirkstoffe den Abbau von Mirtazapin hemmen und damit dessen Wirkung verstärken. Auch durch Cimetidin, ein Magensäurebinder aus der Gruppe der H2-Rezeptorenblocker, wird die Wirkung des Medikamentes verstärkt.

Im Gegensatz dazu wird Mirtazapin durch das Tuberkulosemittel Rifampicin sowie die Antiepileptika Phenytoin und Carbamazepin schneller abgebaut und dadurch in seiner Wirkung abgeschwächt. Der Arzt wird also die Mirtazapin-Dosis gegebenenfalls erhöhen. Wenn die gleichzeitige Behandlung mit einem solchen Wirkstoff beendet wird, muss die Dosis gegebenenfalls verringert werden.

 

Schwangerschaft & Stillzeit

Es liegen keine Daten mit Mirtazapin aus klinisch kontrollierten Studien bei schwangeren Frauen vor. Begrenzte Daten über die Anwendung von Mirtazapin bei schwangeren Frauen weisen nicht auf ein erhöhtes Risiko für angeborene Missbildungen hin.

Falls Mirtazapin bis zur oder kurz vor der Geburt verabreicht wird, wird eine postnatale Überwachung des Neugeborenen empfohlen, um möglichen Entzugserscheinungen Rechnung zu tragen.

Ist eine Behandlung während der Stillzeit notwendig, soll abgestillt werden.

Studien

Mirtazapin ist in zahlreichen Studien sowohl mit Placebo als auch mit verschiedenen anderen Antidepressiva verglichen worden. Diese Studien dauerten in der Regel sechs Wochen. Zur Beurteilung der Depression und des Verlaufs dienten die bekannten Skalen; am häufigsten wurde die «Hamilton Depression Rating Scale» (HDRS) verwendet. Als Ansprechen auf die Behandlung wurde bezeichnet, wenn der HDRS-Wert gegenüber dem Ausgangswert um wenigstens 50% reduziert werden konnte.

Vergleich mit Placebo: Im Vergleich mit Placebo war Mirtazapin in mehreren Doppelblindstudien bei mittelschwerer bis schwerer Depression signifikant besser wirksam. Die in diesen Studien verwendete Tagesdosis betrug, individuell titriert, zwischen 5 und 35 mg. Mit Mirtazapin wurden Ansprechraten von 50 bis 60% erreicht, mit Placebo nur etwa von 25 bis 35%.

Vergleich mit Amitriptylin: Mehrere Studien dienten dem Vergleich mit Amitriptylin. Dabei wurden ebenfalls individuell angepasste Dosen der Antidepressiva eingesetzt. Zwei in der ambulanten Praxis durchgeführte Doppelblindstudien umfassten zusammen rund 300 Kranke. In diesen Studien war Mirtazapin in relativ niedriger Dosis (durchschnittlich um 20 mg/Tag) ähnlich wirksam wie Amitriptylin (Tagesdosis im Mittel um 120 mg), jedoch der Placebokontrolle klar überlegen. Wie Amitriptylin hat Mirtazapin auch eine deutliche anxiolytische und schlaffördernde Wirkung.

Mirtazapin wurde auch bei älteren Leuten (über 60 Jahre) sowie – in wesentlich höherer Dosis (im Mittel 50 mg/Tag) – bei hospitalisierten Kranken mit Amitriptylin verglichen. Auch in diesen Studien waren die beiden Medikamente praktisch gleich antidepressiv wirksam. Die Vergleiche mit Amitriptylin wurden wiederholt in Metaanalysen zusammengefasst, die bestätigen, dass die beiden Medikamente ähnlich gut und ungefähr innerhalb derselben Zeitspanne wirken.

Die einzige publizierte Langzeitstudie umfasste 217 Personen, die in vorausgehenden kürzeren Studien gemäss klinischer Beurteilung gut auf die Behandlung angesprochen hatten und ihr Medikament weiter doppelblind erhielten. Gemäss einer Beurteilung nach 20 Wochen Behandlung kam es unter Mirtazapin (mittlere Dosis: 23mg/Tag) oder Amitriptylin (mittlere Dosis: 138 mg/Tag) signifikant seltener zu einem Rückfall der Depression als unter Placebo. Zu diesem Zeitpunkt hatten 4,1% der mit Mirtazapin Behandelten und – nicht-signifikant mehr – 7,0% der mit Amitriptylin Behandelten einen Rückfall erlebt.

Vergleich mit Clomipramin und Doxepin: Mirtazapin wurde in Tagesdosen zwischen 20 und 80 mg während 6 Wochen auch mit Clomipramin und Doxepin verglichen und erwies sich dabei als praktisch gleichwertig.

Vergleich mit Imipramin: Bei 107 hospitalisierten Kranken mit einer schweren Depression wurde die Wirksamkeit von Mirtazapin mit derjenigen von Imipramin verglichen, und zwar 2 und 4 Wochen nachdem vordefinierte Plasmaspiegel erreicht worden waren. Die mittlere Dosierung von Mirtazapin betrug 77 mg/Tag, diejenige von Imipramin 235 mg/Tag. Imipramin war in dieser Studie signifikant wirksamer: 50% der mit Imipramin Behandelten, aber nur 22% der mit Mirtazapin Behandelten sprachen auf die Therapie an.

Vergleich mit SSRI: In drei grösseren, 6 bis 8 Wochen dauernden Doppelblindstudien wurde Mirtazapin in Tagesdosen zwischen 15 und 60 mg mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmerhemmern (SSRI) verglichen. In allen drei Studien konnte in den ersten 2 bis 4 Wochen eine überlegene Wirkung von Mirtazapin festgestellt werden, später fanden sich jedoch keine signifikanten Unterschiede zu den Vergleichssubstanzen Citalopram, Fluoxetin und Paroxetin mehr.

Vergleich mit Trazodon: In zwei Studien konnte belegt werden, dass Mirtazapin gleichwertig oder der Vergleichssubstanz leicht überlegen war.

Bedenken Sie, dass die Studien keine Aussage über das Ansprechen einer individuellen Person aussagt.

Dieses Medikament ist rezeptpflichtig. Die Einnahme muss ärztlich überwacht werden!

share it!Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+
Zur Werkzeugleiste springen