Bitte lesen!

Eine Psychotherapie ist elementarer Bestandteil jeder Behandlung. Sie kann als Monotherapie (einzige Therapie) oder im Zusammenhang mit Medikamenten bzw. sogar einer Elektrokrampftherapie (EKT) stattfinden. Eine Psychotherapie gilt als hoch effektiv und ist mit keinerlei Nebenwirkungen verbunden. Der Nachteil einer Psychotherapie ist, dass man Geduld haben muss in einer Situation, in der „Geduld haben“ das Letzte ist was man gebrauchen kann. Denn bis eine Psychotherapie wirkt vergehen meist mehrere Monate, wenn nicht Jahre. Die Behandlung sollte so intensiv wie möglich durchgeführt werden (1-3 Mal die Woche, je häufiger desto effektiver).

Bei einer Psychotherapie ist es wichtig, eine Therapie mit einem Konzept zu bevorzugen. Ein oberflächliches Gespräch bei einem Psychologen oder einem Arzt, der einfach Medikamente verordnet, hat nicht den gleichen Effekt wie eine richtige Psychotherapie. Es gibt verschiedene Schulen der Psychotherapie.

Hier finden Sie in ausführlicher Version nur die von den deutschen Krankenkassen anerkannten Therapieformen im Zuge einer ambulanten Behandlung.

Wichtig bei allen Therapieformen ist das Verhältnis zwischen Therapeut und Patient. Nur wenn die „Chemie“ stimmt kann man sich wirklich auf eine Psychotherapie einlassen und sich öffnen. Zudem muss der Patient offen für eine Psychotherapie sein und Veränderungen bewirken wollen. Eine Zwangstherapie ist oft (aber nicht immer) bereits vor Beginn der eigentlichen Behandlung zum Scheitern verurteilt.

Berufsgruppen

Es gibt drei Berufsgruppen von Fachpersonen, welche sich mit der Behandlung von psychischen Erkrankungen befassen. Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten, wobei letztere auch Psychiater oder Psychologen sind. Hier eine kurze Übersicht:

  • Psychiater sind Fachärzte für Psychiatrie. Sie haben Medizin studiert und dürfen daher Medikamente verschreiben. Obwohl man nicht verallgemeinern sollte lässt sich sagen, dass Psychiater häufig auf medikamentöse Behandlungen spezialisiert sind. Vielen (aber nicht allen) Psychiatern fehlt es demnach am Wissen nicht medikamentöser Behandlungsformen.
  • Psychologen haben Psychologie studiert. Sie dürfen keine Medikamente verschreiben, sind im Gegensatz zu den Psychiatern jedoch auf Psychotherapien bzw. Gesprächstherapien geschult. Psychologen haben nicht zwingend eine entsprechende Weiterbildung im klinischen Bereich bzw. speisen sie ihr Wissen vor allem aus den im Studium vermittelten Inhalten. Dennoch: Psychologe ist ein geschützter Titel. Ein Psychologe hat mind. einen Master-Abschluss in Psychologie.
  • Psychotherapeuten sind entweder Psychiater oder Psychologen mit einer entsprechenden Weiterbildung in klinischer Psychotherapie. Sie sind die Experten wenn es um die Behandlung psychischer Krankheiten mittels Gesprächstherapien geht. Auch die Berufsbezeichnung Psychotherpeut ist geschützt, folglich darf sich ein Arzt oder Psychologe nicht automatisch Psychotherpeut nennen.

Die Wahl der Berufsgruppe ist also nicht immer ganz einfach und hängt von der Art der Beschwerden und von der gewünschten Therapieform ab.

Verhaltenstherapie

Ursprünglich kommt die Verhaltenstherapie aus der Tradition der psychologischen Lerntheorien und trat erstmals 1924 mit einer Konfrontationstherapie zur Behandlung von Phobien in Erscheinung. Zunächst bei Menschen mit schweren psychischen Störungen angewandt, haben sich um 1970 die verhaltenstherapeutischen Prinzipien auf pädagogische Felder wie Schule und Familie übertragen. Andere psychotherapeutische Methoden wurden integriert.

Bei der Verhaltenstherapie steht nicht im Vordergrund, die Wurzeln einer Fehlentwicklung aufzudecken, sondern das aktuelle Verhalten und die Sichtweisen des Menschen zu untersuchen und bei Bedarf zu korrigieren. Die Verhaltenstherapie stützt sich dabei auf den Behaviorismus, die Theorie der Wissenschaft des menschlichen und tierischen Verhaltens.

Das Verhalten wird durch Lernen geformt, das heißt der Mensch lernt Regeln und macht Erfahrungen, die einen Einfluss auf sein Verhalten haben. Auf diese Weise können auch psychische Störungen aus Lernerfahrungen hervorgehen, die durch verhaltenstechnische Intervention wieder verlernt werden sollen. Ein wesentliches Kennzeichen verhaltenstherapeutischer Verfahren ist es, den Betroffenen zur Selbsthilfe anzuleiten und ihm Strategien zu vermitteln, die ihn in die Lage versetzen, seinen psychischen Problemen entgegen zu treten.

In einer (kognitiven) Verhaltenstherapie geht man meist vom  SORKC-Modell aus.

  • S (Stimulus) bezeichnet eine äußere oder innere Reizsituation. Der Stimulus erfasst die das Verhalten auslösenden Bedingungen (In welcher Situation tritt das Verhalten auf?).
  • O (Organismus) bezeichnet die individuellen biologischen und lerngeschichtlichen Ausgangsbedingungen bzw. Charakteristika der Person auf den Stimulus.
  • R (Reaktion) bezeichnet das beobachtbare Antwortverhalten, das dem Stimulus und seiner Verarbeitung im Organismus folgt.
  • K (Kontingenz) bezeichnet die zeitliche Aufeinanderfolge des Verhaltens, bzw. der Verhaltensweisen oder Reaktionen.
  • C (Konsequenz) bezieht sich auf das Einsetzen einer Verstärkung oder Bestrafung als Folge eines Verhaltens (Was folgt auf das Verhalten?).

Nach diesem Schema wirkt ein Reiz auf einen Organismus ein und löst bei diesem eine emotionale-physiologische Reaktion aus. Nachfolgend ergibt sich eine Konsequenz aus der Reaktion, z.B. eine Erleichterung durch Vermeidung. Läuft ein solcher Vorgang wiederholt ab, verstärkt sich diese Reaktion, d.h., es wird gelernt. Auf diese Weise können psychische Krankheiten sowohl entstehen als auch behandelt werden, etwa durch das gezielte Einüben anderer Verhaltensweisen oder durch die Veränderung der Stimuli.

Der Kerngedanke ist also, dass (problematisches) Verhalten erlernt wurde und auch wieder „verlernt“ werden kann, bzw. neue, angemessenere Verhaltensmuster erlernt werden können. Folglich trainiert man sich z.B. das vermeidende Verhalten (wie z.B. bei Angststörungen) ab. In einer Verhaltenstherapie lernt man, sich in geschütztem Rahmen langsam seinen Ängsten zu stellen und diese Schritt für Schritt zu überwinden. Bei Depressionen und bipolaren Störungen versucht man die auslösenden Faktoren zu finden und zu diese handhaben bzw. weitere Tiefschläge zu verhindern.

tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) geht auf Siegmund Freud (1856-1939) als den Begründer der Psychoanalyse zurück. Neben der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ist die analytische Psychotherapie das zweite Verfahren, das sich auch aus der Psychoanalyse ableitet. Gemeinsam ist beiden Verfahren die Theorie über die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, die in den letzten Jahrzehnten wesentliche Erweiterungen erfahren hat.

Unterschiede zwischen der analytischen und der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie bestehen hinsichtlich des Settings (Sitzungsfrequenz, Sitzen oder Liegen), der Therapietechniken und des Therapieziels. Im Folgenden werden diese Elemente für die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie dargestellt. Ziel der Therapie ist, die zugrundeliegenden Konflikte zu lösen, die Struktur zu verbessern und damit dem Patienten zu helfen, seine Störung zu überwinden.

Der Therapeut verschafft sich zunächst im Rahmen von Vorgesprächen einen Eindruck darüber, welche psychische Erkrankung vorliegt und wie sie zustande gekommen ist. Wenn er einen aktuellen Konflikt oder/und ein strukturelles Problem, also eingeschränkte Fähigkeiten im Umgang mit wichtigen Anderen, identifizieren kann, das mit der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie behandelbar ist, kann eine Therapie begonnen werden. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie konzentriert sich immer auf die Gegenwart. Biographische Aspekte sind nur insofern wichtig, als dass sie helfen können, die Probleme in der Gegenwart besser zu verstehen. Man arbeitet in der Regel mit einer Sitzung pro Woche im Sitzen.

Die Aufgabe des Patienten während der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ist die sogenannte freie Assoziation. Das bedeutet, dass der Patient in den Therapiesitzungen möglichst ungefiltert erzählt, was ihm gerade einfällt. Er sollte sich keine Gedanken darüber zu machen, ob das nun wichtig oder unwichtig ist. Die Aufgabe des Therapeuten während der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ist es, aus dem Erzählten das heraus zu filtern und aufzunehmen, was für das Verständnis und die Therapie des aktuellen Problems hilfreich ist.

Bei einer konfliktzentrierten Vorgehensweise arbeitet der Therapeut bevorzugt mit den Techniken der Klärung, Konfrontation und Deutung. Klärende Interventionen sind all diejenigen, die dem Therapeuten helfen, das Erzählte besser zu verstehen und sich in das Erleben des Patienten einzufühlen. Oft sind das Nachfragen, wie z. B. „Können Sie mir das noch genauer erklären?“, „Wie ging es Ihnen dabei?“, oder „Habe ich es richtig verstanden, dass…?“. Dies ist äusserst wichtig, weil die Probleme und Konflikte des Patienten nur dann hinreichend verstanden und bearbeitet werden können, wenn der Therapeut in der Lage ist, sich in die Perspektive des Patienten zu versetzen. Konfrontation bedeutet, dass der Therapeut den Patienten auf etwas aufmerksam macht, was ihm auffällt und was er für bedeutsam hält. Häufig sind dies Widersprüchlichkeiten, wie z. B. dass der Patient traurige Dinge mit einem Lächeln erzählt, oder dass der Patient erzählt, was für ein guter Mensch seine Partnerin ist und gleichzeitig erzählt, wie schlecht sie ihn behandelt. Diese Widersprüchlichkeiten sind dem Patienten in der Regel so nicht bewusst und insofern wichtig, weil sie auf bedeutsame innere Konfliktthemen hinweisen können. Wenn der Therapeut glaubt, er hat etwas über die unbewussten Wünsche, Gefühle und Konflikte, die zu den Problemen des Patienten führten, verstanden, teilt er dies dem Patienten mit. Diese Mitteilung nennt man Deutung. So z. B.: „Ich habe den Eindruck, dass es Ihnen nicht möglich ist, zu sehen, wie schlecht Ihre Partnerin mit Ihnen umgeht, weil dann womöglich die Frage der Trennung im Raum stünde und Ihnen dieser Gedanke unheimlich Angst macht.“

Eine besondere Rolle spielt dabei auch die Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung. Übertragung bedeutet, dass Überzeugungen, wie wichtige Andere mit einem umgehen und einen wahrnehmen oder Erwartungen, die man an wichtige Andere hat, sich auch in die therapeutische Beziehung „einschleichen“. Das heisst, wenn man z. B. im Leben oft das Gefühl hat,

  • von anderen kein Gehör und genügend Beachtung zu finden, oder
  • nur etwas wert zu sein, wenn man sich besonders bemüht, oder
  • immer an allem schuld zu sein, usw.,

passiert es in der Regel, dass man auch den Therapeuten in Anteilen so erlebt.

Dies ist nicht verwunderlich, da die Übertragung ein Prozess ist, der sich überall im Leben ereignet. Oft empfinden wir Menschen aus dem Berufsleben oder aus dem Freundeskreis in einigen Aspekten so, wie früher schon den Vater, die Mutter, die Oma, etc. Der Therapeut erkennt daran, dass es sich um eine Übertragung handelt, dass die Gefühle oder das Verhalten des Patienten nicht alleine aus der aktuellen Situation heraus erklärbar sind.

Gleichzeitig hilft dem Therapeuten die Gegenübertragung. Dies sind die Gefühle und Wahrnehmungen des Therapeuten. Wenn dieser sich sicher ist, dass seine Gefühle, die er in der therapeutischen Situation gerade empfindet, nicht mit seinem momentanen eigenen Leben zu tun haben, ist es wahrscheinlich, dass der Patient sie in ihm auslöst. Es ist sehr wertvoll, wenn sich eine solche problematische Beziehungskonstellation in der therapeutischen Beziehung ereignet. Denn hier kann sie vom Therapeuten und dem Patienten besonders gut verstanden und bearbeitet werden. Die Aufgabe des Therapeuten besteht dann darin, sein Erleben und sein Verständnis dem Patienten Stück für Stück so zur Verfügung zu stellen, dass dieser etwas über sich verstehen kann, was er bisher so nicht wusste. Das Sehen und Verstehen von eigenen unbewussten Anteilen oder Konflikten ist der erste Schritt zur Veränderung.

Bei einer strukturzentrierten Vorgehensweise steht im Vordergrund, dass der Therapeut dem Patienten hilft,

  • intensive Gefühle besser tolerieren zu können,
  • potentiell schädigende Verhaltensimpulse besser steuern zu können,
  • die Wahrnehmung und Differenzierung, welche Gefühle und Bedürfnisse er selbst hat und was die Gefühle der anderen sind, zu verbessern, etc.

Um dies zu erreichen wendet der Therapeut Interventionen an, die stabilisierend wirken, die sogenannten „ICH-Funktionen“ aufbauen, und er versucht, den oben genannten Übertragungsprozess eher zu begrenzen. Das Aufbauen der ICH-Funktionen erreicht der Therapeut z. B., indem er dem Patienten hilft, sich selbst besser zu verstehen. Er weist ihn z. B. darauf hin, warum er gerade so wütend ist, welche Situation das ausgelöst hat, wie er mit der Wut umgehen kann. Auch, wie er solche Situationen in Zukunft vermeiden oder verändern kann, ist für den Patienten wichtig. Damit dieser lernt, die Reaktionen der Umwelt besser zu verstehen, ist es oft hilfreich, zu klären, wie der Patient sich verhält und auf andere wirkt und was dies bei anderen auslöst. Wenn Gefühle vom Patienten nicht differenziert, sondern z. B. einfach nur als Spannung wahrgenommen werden, ist es wichtig, dass der Therapeut hilft, die dazu gehörigen Gefühle herauszufinden, damit der Patient sich selbst besser verstehen und einschätzen lernt.

Die Übertragungsprozesse begrenzen bedeutet, dass der Therapeut dem Patienten möglichst wenig Gelegenheit bietet, unrealistische Phantasien über ihn und seine Haltung dem Patienten gegenüber zu entwickeln. Dies ist wichtig, weil bei strukturellen Störungen solche Phantasien oft angstauslösend sind und die Therapie gefährden können.

Der Therapeut ist eher aktiv, geht auf Fragen des Patienten ein, arbeitet mit aktuellen Problemen des Patienten und strukturiert die Stunden. Wenn er den Eindruck hat, dass der Patient ihn verzerrt wahrnimmt, oder etwas in ihn hineininterpretiert, was nicht stimmt, wird er dies so bald wie möglich ansprechen und aufklären.

Psychoanalyse

Im Jahre 1896 prägte Sigmund Freud den Begriff Psychoanalyse für die von ihm begründete und entwickelte Wissenschaft von den unbewussten Vorgängen im Seelenleben. In seiner späteren Arbeit Psychoanalyse und Libidotheorie (1923) wählte er die Definition, die seitdem in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft der Psychoanalytiker als verbindlich anerkannt und damit zu einem Teil ihrer gemeinsamen Basis ist. Dort hat Freud geschrieben:

„Psychoanalyse ist der Name

  1. eines Verfahrens zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind;
  2. einer Behandlungsmethode neurotischer Störungen, die sich auf diese Untersuchung gründet;
  3. eine Reihe von psychologischen, auf solchem Wege gewonnenen Einsichten, die allmählich zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin zusammenwachsen.“´

Die Psychoanalyse geht als Konflikttheorie von widerstreitenden Kräften in der Persönlichkeit aus. Das Ziel ihrer Behandlungsmethode besteht darin, dem Patienten bei der Suche nach einer persönlichen Kontinuität und bei der Aneignung unbewusst gewordener Lebensge-schichte zu helfen. Ziel ist nicht die Entwicklung einer harmonischen Persönlichkeit. Die Psychoanalyse bietet dem einzelnen Menschen vielmehr eine Methode an, seine unbewussten Motive selbst zu erforschen und dabei deren Existenz anzuerkennen sowie abgespaltene und abgewiesene Teile seines Selbst zu integrieren. Denn von unbewussten Motiven, wie zum Beispiel von unbewussten Schuldgefühlen, erlebt sich ein Mensch z. B. in Form von Hemmungen, Arbeitstörungen oder auch Selbstbestrafungstendenzen bis hin zu schweren Depressionen fremdbestimmt. Insofern geht es der Psychoanalyse um eine Befreiung von verinnerlichten Fremdbestimmungen, die Ursachen für psychische Störungen und damit verbundene Symptome sind.

Psychoanalytiker verkünden keine Wahrheiten. Es geht ihnen vielmehr darum, dem Subjekt einen Raum und Bedingungen für eine authentische und wahrhaftige Kommunikation zu schaffen. Die Fähigkeit dazu basiert auf einem bewussten und selbstverantwortlichen Denken, das sich aus den emotionalen Erfahrungen unserer Kindheit heraus entwickelt. Denn Triebe, Emotionen und ihre Schicksale bestimmen den seelisch-geistigen Wachstumsprozess des Menschen. Sie bestimmen seine geistige Wachheit, Neugier und Kreativität ebenso wie sein Erleben von Wirklichkeit und Lebendigkeit.

Wenn aber konflikthaft erlebte Emotionen zu schmerzlich und deshalb bedrohlich sind, werden diese als Formen einer Fremdbestimmung erfahren und haben weitreichende psychische Störungen zur Folge. Emotionale Erfahrungen nehmen eine traumatische Qualität an, wenn die wichtigen Bezugspersonen einem Kind in seinen ersten Lebensjahren nicht die notwendigen zuverlässigen und emotional befriedigenden Beziehungserlebnisse anbieten. Denn nur in einer hinreichend positiv erlebten Beziehung kann ein Kind die in seiner Entwicklung unvermeidlichen Erfahrungen von Schmerz, Hass, Abhängigkeit, Angst und Schuld, Neid und Eifersucht, Frustration und Verlust ertragen lernen. Wenn dies nicht gelingt, ist die Entwicklung der kindlichen Psyche umfassend gefährdet. Wenn nämlich emotionale Erfahrungen nicht verarbeitet und integriert werden können, werden sie zu einem Trauma und behindern dann erheblich die gesamte psychische Entwicklung. Mit den Folgen hat die Psychoanalyse als Krankenbehandlung zu tun, aber auch andere Humanwissenschaften: so die Medizin mit den psychosomatischen Erkrankungen, die Pädagogik mit Verhaltens- und Lernstörungen, die Psychiatrie mit schweren psychischen Defekten, aber auch die Gesellschaft insgesamt. Zum Beispiel können enttäuschte Heilserwartungen in Fremdenhass umschlagen und abgelehnte Selbstanteile mittels Projektionen anderen zugeschrieben und dort bekämpft werden.

Emotionale Aktivität ist für den Menschen eine Herausforderung und oft mit Angst verbunden, der Angst vor dem Unbekannten im anderen und in uns selbst. Die Psychoanalyse kann dem einzelnen Menschen helfen, sich dieser Herausforderung neu zu stellen. Die Befreiung des Erlebens und Denkens in einer psychoanalytischen Behandlung erwächst auf dem Boden eines oft schmerzlichen Erkenntnisprozesses, der nur gelingen kann, wenn die analytische Situation von einer Atmosphäre der Toleranz für das unannehmbar Erscheinende geprägt ist. Wissen zu wollen und dabei der Wahrheit verpflichtet zu sein, sind Grundhaltungen der Psychoanalyse. Diese Grundhaltung, verbunden mit einer Aufmerksamkeit des Analytikers, die nicht auf etwas Bestimmtes ausgerichtet ist, wenn er dem Patienten zuhört, wird als die gleichschwebende Aufmerksamkeit bezeichnet. Diese Einstellung des Analytikers zusammen mit seinem Angebot an den Patienten, alles mitzuteilen – dies wird als die freie Assoziation bezeichnet – sind die methodischen Bedingungen, um einen analytischen Prozess einzuleiten, in dem das Unbewusste im Erleben der analytischen Beziehung aktiviert, gedeutet und damit erkennbar werden kann.

Mittels dieser Methodik entwickelt sich ein spezifisches Beziehungserleben zwischen dem Analysanden und seinem Analytiker. Die moderne psychoanalytische Entwicklungsforschung hat gezeigt, wie die seelische Struktur, der Kern des Selbstgefühls und des Erlebens von Wirklichkeit, das identisch ist mit dem affektiven Existenzerleben, auf der Verinnerlichung früher Beziehungserfahrungen gründet. Solch frühe Beziehungsmuster werden in der psychoanalytischen Behandlung wiederbelebt. Die psychoanalytische Theorie beschreibt diese Vorgänge als Übertragung. Im Zentrum der psychoanalytischen Aufmerksamkeit stehen nicht allein abgewehrte Triebimpulse, sondern die Objektbeziehung, wie sie sich im emotionalen Erleben in der Übertragung und der Gegenübertragung zwischen Analysand und Analytiker in der psychoanalytischen Behandlungssituation aktualisiert. Die therapeutische Interaktion, die die Erkenntnisse über die frühe Zwei-Personen-Beziehung von Mutter und Kind wie auch über Drei-Personen-Beziehungen (Vater-Mutter-Kind, Geschwister-Mutter-Kind) benutzt, wurde zu dem entscheidenden therapeutischen Instrument.

Sobald ein Mensch sich nicht mehr flexibel und lernfähig auf innere und äussere Anforderungen einstellen kann, führen Hemmungen oder Blockierungen zu neurotischen und psychosomatischen Erkrankungen. Die Entwicklung zu einer bewussten Individualität, zu der die Psychoanalyse beitragen will, soll den einzelnen dazu befähigen, seine Gedanken, Gefühle und Wünsche als seine eigenen zu akzeptieren und zu einem Engagement in der Welt umzuwandeln.

Eine psychoanalytische Behandlung oder Kur braucht Zeit und ist für beide Teilnehmer schwierig. Doch wie lässt sich ein solcher psychoanalytischer Prozess etwas anschaulicher beschreiben?

Der Prozess findet in einem Setting statt, das vom Analytiker zur Verfügung gestellt wird. Das analytische Setting setzt sich zusammen aus einem ruhigen Raum, einer Couch und einem Sessel, einer kontinuierlichen und regelmässigen Frequenz der Sitzungen, gewöhnlich vier bis fünf Stunden in der Woche (in der Praxis eher 2-3 Sitzungen pro Woche), und einem aufmerksamen Analytiker, der zuhört, seine Gedanken und Gefühle, die in ihm wachgerufen werden, reflektiert und auf diese Weise die freien Assoziationen des Patienten zu verstehen sucht und dies dem Patienten mittels Deutungen mitteilt. Die Arbeit des Analytikers besteht darin, sowohl das Setting wie auch seine psychische Einstellung der freischwebenden Aufmerksamkeit und seine Kompetenz zur Formulierung von Deutungen über alle Wechselfälle der Analyse hinweg aufrechtzuerhalten.

Ein wichtiger Fokus dieser Arbeit stellt die stufenweise Wahrnehmung von formalen und inhaltlichen Mustern in dem assoziativen Material dar. So können z. B. Beziehungsmuster zu den Eltern am Ende einer Sitzung wach werden. Dann erscheint die Annahme plausibel, dass einer der Konflikte die Trennung von den Elternfiguren betrifft, der sich in der Übertragung darstellt und dem Patienten gedeutet wird. Der Analytiker wird beobachten, in welcher Weise der Patient auf die Deutungen reagiert. Wird der Patient diese akzeptieren und darüber nachdenken? Wird der Patient zustimmen, aber sich einem anderen Thema zuwenden oder aber die Deutung ablehnen? Wird der Patient ärgerlich oder launisch reagieren usw., oder fühlt er sich durch die Deutung angegriffen? Hinter diesen unterschiedlichen Reaktionstypen werden weitere Verhaltensmuster erkennbar, so dass allmählich ein dynamisches Gerüst der geistigen Funktionsweise und seiner unbewussten Phantasien entsteht, das sich rund um die komplexe Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehung entwickelt.

Mit diesen komplexen Reaktionsweisen sucht der Patient zu vermeiden, dass Angst auslösende, schmerzliche und verwirrende Gedanken, Impulse und Gefühle aufsteigen. Sie variieren von subtilen Abwehrmanövern, die den Analytiker in die Irre zu leiten suchen bis hin zu groben Versuchen – insbesondere durch ein Agieren –, die Fähigkeit des Analytikers zum Denken zu unterminieren. Das kann die Analyse in Frage stellen. Unter diesen Umständen besteht die zentrale Aufgabe der Arbeit des Analytikers darin, die Intensität der in ihm ausgelösten Gefühle in sich zu bewahren und wahrzunehmen, um auf diese Weise zu versuchen, die Dynamik der aktuellen Situation verstehen und deuten zu können. Für den Analytiker besteht die Gefahr, dass er von den Projektionen und Manipulationen des Patienten überwältigt wird, so dass er nur noch reagiert, anstatt zu bewahren und zu reflektieren. Der immense emotionale Druck kann für den Analytiker extrem belastend sein, insbesondere wenn die Unterbrechungen zwischen den Sitzungen mit Angst und Sorge um den Patienten und die Analyse aufgefüllt werden. Das Klischee von dem unbeeinflussbaren und unberührten Analytiker hat kaum etwas mit der Wirklichkeit psychoanalytischen Arbeitens zu tun.

Das Bild des einsamen Analytikers in seinem Elfenbeinturm ist ein weiteres Klischee. Denn die Arbeit des Analytikers betrifft auch Bereiche ausserhalb seiner Praxis. Freud war es, der 1919 die Empfehlung gab, dass der Analytiker Wege finden müsse, um seine Fähigkeiten auch denen zukommen zu lassen, die sich keine Psychoanalyse leisten können. Dies führte zur Entwicklung unterschiedlicher Techniken, welche ursprünglich von der analytischen Technik und deren Erkenntnissen abstammen. Psychoanalytiker waren die Vorreiter dieser Entwicklungen, so der Entwicklung verschiedener Formen der Einzeltherapie, der Gruppenanalyse und -therapie, der Balintgruppen für Ärzte und verschiedener Beratungsformen. Auf dem von S. Freud geschaffenen Fundament der Psychoanalyse hat sich seit dem Erscheinen der Traumdeutung (1900) eine Vielzahl neuer Theorien und Techniken entwickelt, mit denen sich die Kreativität sowie die Lebendigkeit der Psychoanalyse immer wieder neu erweist.

weitere Psychotherapieformen

Weitere sehr bekannte Therapieformen:

  • analytische Psychologie: (nicht gleich Psychoanalyse): Der Therapeut gewährt dem Patienten den Raum und unterstützt ihn durch Traumanalyse, aktive Imagination etc. damit verdrängte oder aus anderen Gründen unbewusste Persönlichkeitsanteile bewusst werden können. Die nachfolgende Auseinandersetzung soll dazu führen, dass die Patienten diese in ihre Gesamtpersönlichkeit integrieren und in der Folge für neue Handlungs- und Erlebensmöglichkeiten offen werden.
  • Daseinsanalyse: Die Daseinsanalyse geht nicht davon aus, was dem Patienten im gegensatz zu einer gesunden Person fehlt, sondern in was für einer besonderen Welt er existiert. Sie wird heute vor allem bei Personen angewandt, die unter Erkrankungen aus dem schizophrenen Formkreis leiden.
  • IndividualpsychologieDas Konzept der Individualpsychologie stellt das Individuum im Kontext seiner sozialen menschlichen Beziehungen und dessen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt in den Folgen für das Individuum in den Mittelpunkt.
  • Katathym Imaginative Psychotherapie: In der KIP geht es primär um Visualisierung, Imagination und Tagträume. Es werden Bilder Ereignissen zugeteilt, die mit Enspannung oder Belastungen assoziert werden. Durch vorherige Entspannung des Körpers, welche durch den Therapeuten angeleitet wird, kommt es zu einer kontrollierten Lockerung der Abwehr.
  • klientzentrierte Psychotherapie (Gesprächspsychotherapie): Die hilfesuchende Person mit ihren jeweiligen Gefühlen, Wünschen, Wertvorstellungen und Zielen soll im Mittelpunkt der therapeutischen Interaktion stehen. Die Sichtweise des Therapeuten soll dabei weitgehend in den Hintergrund treten. Ratschläge und Bewertungen sind zu vermeiden.
  • Körperpsychotherapie: Die Körperpsychotherapie ist eine ressourcenorientierte Therapieform welche davon ausgeht, dass Körper und Psyche miteinander verbunden sind. Durch die Arbeit mit dem Körper soll somit die Psyche positiv beeinflusst werden. In wissenschaftlichen Studien wird diese Annahme immer häufiger bestätigt.
  • systemische Psychotherapie: Schwerpunkt auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen, insbesondere auf Interaktionen zwischen Mitgliedern der Familie und deren sozialer Umwelt liegt. Sie wird vorallem als Familientherapie angewendet.


Weitere Therapieformen die ebenfalls häufig angewandt werden (Auswahl):

share it!Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+
Zur Werkzeugleiste springen