Antidepressivum (NARI) | Handelsnamen: Edronax und Solvex

Allgemeine Informationen

Reboxetin wurde vom Pharmaunternehmen Farmitalia (heute Pfizer) entwickelt und 1997 auf dem europäischen Markt zugelassen. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hingegen versagte dem Hersteller Pfizer im Mai 2001 die Markteinführung mangels überzeugender Wirkungsbelege.

Reboxetin ist ein Antidepressivum aus der Gruppe der „selektiven Noradrenalin Wiederaufnahme-Hemmer“ (NARI) und wird unter den Handelsnamen Edronax und Solvex vertrieben. Das Medikament ist zur Behandlung von Depressionen zugelassen. Es ist ab 18 Jahren erhältlich. Einschränkungen bezüglich der Fahrtüchtigkeit und dem Bedienen von Maschinen sind nicht bekannt. Dennoch sollten Sie abwarten, bis Sie wissen, wie Sie auf dieses Medikament reagieren. Wechselwirkungen mit Alkohol sind nicht bekannt, dennoch ist Vorsicht geboten.

Heute wird Reboxetin in allen deutschsprachigen Ländern nur noch sehr selten verwendet. In Deutschland ist das Arzneimittel nach wie vor erhältlich, jedoch nur noch in Ausnahmefällen kassenpflichtig. Die Kosten der Medikation müssen also vom Patienten getragen werden. In der Schweiz wurde die Zulassung eingeschränkt, so dass Reboxetin nur noch bei schweren Depressionen und Unverträglichkeit gegenüber anderen Arzneimitteln eingesetzt werden darf. Österreich hat bis anhin keine Einschränkungen erhoben.

Indikation
  • Depression bei unzureichendem Ansprechen auf andere Medikamente

 

Die Indikation richtet sich nach den Fachinformationen für Ärzte des Schweizer Arzneimittelkompendiums. Fachinformationen des Deutschen bzw. Österreichischen Kompendiums sind für uns und auch die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Gemäss unserer Recherchen decken sich die Angaben der deutschsprachigen Arzneimittelkompendien weitgehend.

Dosierung & Anwendung

Einnahme: 1x täglich Morgens unabhängig der Mahlzeiten.
Ausnahmen: Bei hoher Dosis in 2 Gaben (Morgens-Abends) aufteilen.
Die Einnahme muss täglich erfolgen (also nicht nur bei unmittelbarem Bedarf).

Dosierung 2-8mg (pro Tag)

Die Dosierung muss von einem Arzt individuell festgelegt werden. Die Dosis kann somit von der Standartdosierung abweichen. Je nachdem ist eine höhere oder tiefere Dosis erforderlich.

Antidepressiva werden grundsätzlich langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass im Normalfall mit der niedrigsten Dosis angefangen und diese (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis erhöht wird. So sollen die Nebenwirkungen minimiert werden.

Gleich verhält es sich beim Absetzen des Medikamentes. Die Dosis wird über Tage bis Wochen hinweg langsam reduziert (auch bekannt als das „Ausschleichen“). So sollen Absetzerscheinungen verhindert werden.

Ändern Sie nie die Dosis im Alleingang (weder erhöhen noch reduzieren), auch wenn sich Ihr Gesundheitszustand verändert hat. Halten Sie immer zunächst Rücksprache mit Ihrem Arzt!

Wirkungseintritt & Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: nach 2-4 Stunden

Halbwertszeit: 12-13 Stunden

Bioverfügbarkeit: 94%

Wirkungseintritt: nach 1-4 Wochen

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

Nebenwirkungen im Detail

Sehr häufig (mehr als 10%): Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Mundtrockenheit, Verstopfungen, Übelkeit, vermehrtes Schwitzen.

Häufig (1-10%): Infektionen, Entzündung der Rachenschleimhaut, Harnwegsinfektion, verminderter Appetit, Ängstlichkeit, Nervosität, Agitiertheit, verminderte Libido, Depression, abnormale Träume, Denkstörungen, Kribbeln auf der Haut, Zittern, Geschmacksstörungen, erhöhter Spannungszustand der Muskulatur, motorische Unruhe, Probleme beim Anpassen der Sehschärfe, Herzrasen, Herzklopfen, Erweiterung der Blutgefässe, Blutdruck-Probleme, periphere vaskuläre Störungen, Husten, Verdauungsstörungen, Erbrechen, Hautausschlag, Juckreiz, Störungen der Blasenentleerung, Probleme beim Entleeren der Harnblase, häufiges Wasserlassen, Schwierigkeiten beim Einleiten und Beenden des Urinstrahls, Kraftlosigkeit, Schüttelfrost, Schmerzen, Brustschmerzen, Gewichtsverlust.

Gelegentlich (0.1-1%): Magen-Darm-Entzüdung, Blutarmut, allergische Reaktionen, Verwirrtheit, unwillkürliche Bewegungen, Störungen der Bewegungskoordination, trockene Augen, Erweiterte Pupillen, Sehstörungen, Schwindel, Tinnitus, Herzrhythmussstörungen, kalte Extremitäten, erhöhter Speichelfluss, Schluckstörungen, Nesselfieber, Harndrang, Veränderungen am Penis und/oder den Hoden, Fieber, Unwohlsein.

Selten (0.01-0.1%): Blutwert-Probleme (Leukopenie, Thrombozytopenie), versuchter Suizid, Muskelzuckungen, Querschnittlähmung (Paraplegie), Augenschmerzen, grüner Star, Verfärbung der Haut und/oder der Fingernägel, Venenentzündungen, Darmentzündung, erhöhte Leberenzyme, Haut und/oder Schleimhaut Entzündungen, Muskelschwäche, spontanes Wasserlassen, Nebenhodenentzündung.

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Die meisten Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Absolut kontraindiziert sind:

  • MAO-Hemmer-Therapie
  • Schwangerschaft & Stillzeit

 

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

In-vitro Stoffwechsel Studien zeigen, dass Reboxetin hauptsächlich durch das Isoenzym CYP3A4 des Cytochroms P450 metabolisiert wird; Reboxetin wird nicht durch CYP2D6 metabolisiert. Es kann deshalb angenommen werden, dass CYP3A4 Inhibitoren (z.B. Ketokonazol, Itraconazol, Voriconazol, Erythromycin, Clarithromycin, Fluvoxamin, Proteasehemmer, Diltiazem und Grapefruitsaft) die Plasmakonzentrationen von Reboxetin erhöhen. Ketokonazol erhöht die AUC von Reboxetin um ungefähr 50%. Eine gleichzeitige Verabreichung von Reboxetin mit CYP3A4-Inhibitoren (z.B. Azol-Antimykotika oder Makrolid-Antibiotika) sollte daher vermieden werden.

Bei gleichzeitiger Verabreichung von CYP3A4 Induktoren wie zum Beispiel Phenobarbital und Carbamazepin wurden bei Patienten niedrige Reboxetin-Serumspiegel beobachtet. Beispiele für weitere CYP3A4 Induktoren sind u.a. Rifampicin, Rifabutin, Phenytoin, Dexamethason und Johanniskraut (Hypericum perforatum).

 

Schwangerschaft & Stillzeit

Es sind keine Daten aus klinischen Studien über eine Reboxetin-Exposition während der Schwangerschaft verfügbar. Das Medikament sollte sicherheitshalber nicht während einer Schwangerschaft eingenommen werden.

Reboxetin geht in die Muttermilch über. Lässt sich die Behandlung mit Reboxetin nicht vermeiden, soll abgestillt werden.

Studien

Reboxetin ist in den klinischen Studien mit Placebo und mit anderen Antidepressiva verglichen worden. Die Wirkung wurde mit der „Hamilton Rating Scale for Depression“ (HAM-D) sowie zum Teil mit weiteren Skalen wie der „Clinical Global Impression Scale“ (CGI) oder „Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale“ (MADRS) gemessen.

Als ein Ansprechen auf die Therapie war definiert, wenn die HAM-D-Punktezahl mindestens um 50% abnahm, als eine Remission, wenn auf der HAM-D-Skala weniger als 11 Punkte erreicht wurden.

Die meisten Studien befassten sich mit Personen, die zwischen 18 und 65 Jahre alt waren, an einer schwerwiegenden depressiven Erkrankung („major depressive disorder“) litten und mindestens 22 Punkte auf der HAM-D-Skala aufwiesen. Bei allen Untersuchungen, die im Folgenden angeführt sind, handelte es sich um Doppelblindstudien.

Vergleich mit Placebo: Die antidepressive Wirksamkeit von Reboxetin (10 mg/Tag) wurde in einer kleinen sechswöchigen Studie im Vergleich mit Placebo dokumentiert. Signifikante Unterschiede zwischen Reboxetin und Placebo waren ab dem 10. bis 14. Behandlungstag zu verzeichnen.

In einer Langzeitstudie wurde Reboxetin ein Jahr lang eingesetzt. Nach einer sechswöchigen Behandlung mit Reboxetin (8 mg/Tag) erhielten 283 Personen über 46 Wochen doppelblind Reboxetin in derselben Dosierung oder Placebo. 139 Personen beendeten die Studie vorzeitig. Unter Reboxetin erlebten 22% einen Rückfall, unter Placebo 56%.

Vergleich mit Imipramin: In einer sechswöchigen Studie wurde Reboxetin (8 bis 10 mg/Tag) oder Imipramin (150 bis 200 mg/Tag) verabreicht. Von 256 Behandelten brachen in beiden Gruppen rund ein Viertel die Studie vorzeitig ab. Unter Reboxetin fiel die durchschnittliche Punktezahl auf der HAM-D-Skala von 29 auf 10, unter Imipramin von 28 auf 10. Mit Reboxetin erzielte man eine Ansprechrate von 69% und eine Remissionsrate von 52%; mit Imipramin waren es 56% und 46%. Diese Unterschiede sind nicht signifikant, und auch in Bezug auf andere Parameter wirkten beide Mittel gleich gut.

Vergleich mit Fluoxetin: In zwei Studien ist Reboxetin mit dem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Fluoxetin verglichen worden: 128 Personen verordnete man während acht Wochen Reboxetin (8 bis 10 mg/Tag) oder Fluoxetin (20 bis 40 mg/Tag). Unter Reboxetin besserten sich die depressiven Symptome auf der HAM-D-Skala um 19,2, unter Fluoxetin um 16,8 Punkte; dieser Unterschied ist nicht signifikant. Auch Ansprech- und Remissionsraten waren in beiden Gruppen gleich. In einer anderen, placebokontrollierten Studie mit 381 Personen waren Reboxetin (8 bis 10 mg/Tag) und Fluoxetin (20 bis 40 mg/Tag) ebenfalls praktisch gleichwertig.

In den beiden Vergleichen mit Fluoxetin wurde auch eine Messskala eingesetzt, die in Zusammenarbeit mit der Reboxetin-Herstellerfirma entwickelt worden ist: mit der „Social Adaptation Self-evaluation Scale“ (SASS) sollen die Betroffenen selbst einschätzen, wie es sich zum Beispiel mit ihren Beziehungen und Interessen innerhalb der Familie oder bei der Arbeit verhält oder wie stark das Selbstbild beeinträchtigt ist. Während in der ersten Studie auch auf der SASS-Skala kein signifikanter Unterschied zu beobachten war, senkte Reboxetin in der zweiten die SASS-Punktezahl deutlich mehr als Fluoxetin. Allerdings ist dieses Ergebnis zurückhaltend zu bewerten, da die SASS-Skala noch wenig validiert ist.

Bedenken Sie, dass die Studien keine Aussage über das Ansprechen einer individuellen Person aussagt.

Der Autor hat keine Beziehungen zu den Herstellern und ist nicht am Verkauf der erwähnten Produkte beteiligt.
Dieses Medikament ist rezeptpflichtig. Die Einnahme muss ärztlich überwacht werden.