Eine tiefe Hirnstimulation (THS) kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn alle anderen Behandlungsmethoden wie Psychotherapie, Medikamente, Elektrokrampftherapie (EKT) und ggf. auch eine Vagusnervstimulation versagt haben. Beim operativen Eingriff ins Gehirn werden zwei Elektroden eingesetzt, welche gewisse Hirnareale mittels Strom stimulieren. Erste Ergebnisse sind sehr erfolgsversprechend.

Der Eingriff erforderte, eine winzige Nervenstruktur im Gehirn zu stimulieren, die Habenula. Die Habenula befindet sich in der Mitte des Gehirns und es wird angenommen, dass sie hyperaktiv bei schwerwiegender Depression ist. Ärzte glauben, dass tiefe Hirnstimulation (im Volksmund: Hirnschrittmacher) dieses Bereichs die Aktivität normalisiert.

Das Konzept der Habenula Stimulation und die Fallstudie wurden in der Zeitschrift Biological Psychiatry herausgegeben. Laut Hintergrundinformationen im Artikel, reagiert etwa ein Drittel der Patienten nicht auf Medikamente oder Psychotherapie bei schwerwiegender Depression. Eine EKT, die bei solchen schwerwiegenden oder behandlungsresistenten Fälle oft verwendet wird, ist auch nicht immer wirksam.

Depressive Patienten sind schon mittels Elektro-Stimulation mit gewissen Erfolg behandelt worden. Jedoch wurden zwei andere Bereiche des Gehirns stimuliert, gelegen im Vorderhirn- bzw. Mittelhirnregionen. Die Habenula (Latein für das Diminutiv von Zügelpaar) befindet sich weiter abwärts neben dem Gehirnstamm.

„Wir entschieden, die Habenula zu stimulieren, weil sie in die Steuerung von drei größeren Neurotransmittersystemen verwickelt ist, die bekannt dafür sind, bei einer Depression gestört zu werden“, erklärte Psychiater Dr. Alexander Sartorius vom Central Institute of Mental Health.

Der Erfolg des Verfahrens zeigte sich, als die Elektrode zufällig ausgeschaltet wurde: der Patient hatte einen Fahrradunfall, der eine Operation erforderte, für die ein EKG vorbereitend gemacht werden musste. Der Gehirn-Schrittmacher wurde ausgeschaltet und für einige Tage nicht reaktiviert, und die Depression kehrte prompt zurück. Einige Wochen nach Reaktivierung erholte sich der Patient wieder völlig.

Der nächste Schritt soll die Planung einer klinischen Studie sein, in der die Habenula Stimulation für schwer depressive Patienten an fünf psychiatrischen Neurochirurgie Zentren in Deutschland durchgeführt werden soll.

„Wir wollen zeigen, dass die Stimulierung der Habenula eine höhere Erfolgsquote hat, als andere Bereiche die die Depression zu behandeln versuchen, und dass sie auch sicher zu verwenden ist“, sagt Dr. Sartorius.

Einleitung (1. Abschnitt): Verfasst durch deprimed.de
Quelle Haupttext: Universitätsspital Heidelberg (Deutschland)

 

Die anhaltende Wirksamkeit des Verfahrens wurde weltweit erstmals von Ärzten des Universitätsklinikums Freiburg in einer Vier-Jahresstudie nachgewiesen.

Eine Tiefe Hirnstimulation kann die Symptome von Patienten mit bislang nicht behandelbaren, schwersten Formen von Depression über mehrere Jahre lindern oder sogar beheben. Das zeigen Forscherinnen und Forscher des Universitätsklinikums Freiburg nun in der ersten publizierten Langzeitstudie zu dieser Therapieform. Sieben der acht behandelten Patienten hatten bei kontinuierlicher Stimulation bis zum Beobachtungszeitpunkt nach vier Jahren anhaltende Verbesserungen der Symptome. Die Therapie blieb über die gesamte Zeit gleich wirksam. Auftretende leichte Nebenwirkungen ließen sich durch eine Anpassung der Stimulation vermeiden. Die Studie erschien am 1. März 2017 im Fachjournal Brain Stimulation.

„Der größte Teil der Patienten spricht auf die Therapie an. Einzigartig ist, dass sie dies auch dauerhaft tun. Andere Therapieformen verlieren oft im Laufe der Zeit ihre Wirksamkeit. Damit ist die Tiefe Hirnstimulation ein vielversprechender Ansatz für Menschen mit bisher nicht behandelbarer Depression“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Thomas Schläpfer, Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Die Tiefe Hirnstimulation ist ein auf leichten elektrischen Reizen basierendes Verfahren, mit dem präzise gewählte Bereiche des Gehirns beeinflusst werden können.

Die acht Probanden litten zwischen drei und elf Jahre durchgehend an einer schwersten Depression, bei der weder medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlungen noch Stimulationsverfahren wie die Elektrokrampftherapie Besserung brachten. Die Ärzte implantierten hauchdünne Elektroden und stimulierten einen Hirnbereich, der an der Wahrnehmung von Freude beteiligt und damit auch für Motivation und Lebensqualität von Bedeutung ist. Die Wirkung der Therapie bewerteten die Ärzte monatlich mit Hilfe der etablierten Montgomery-Asberg Rating Scale (MARDS). Bereits im ersten Monat fiel der MARDS-Wert im Durchschnitt von 30 Punkten auf 12 Punkte und sank bis zum Ende der Studie sogar noch weiter leicht ab. Den MARDS-Wert von 10 Punkten, ab dem eine Depression diagnostiziert wird, unterschritten vier Personen.

Manche Patienten litten kurzzeitig unter verschwommenem Sehen oder unter Doppelbildern. „Die Nebeneffekte konnten wir durch eine verminderte Stimulationsstärke beheben, ohne dass der antidepressive Effekt der Therapie nachgelassen hätte“, sagt Prof. Dr. Volker A. Coenen, Leiter der Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg. Bei keinem Patienten waren Persönlichkeitsveränderungen, Denkstörungen oder andere Nebenwirkungen zu beobachten.

Sollte die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie in einer weiteren aktuell am Universitätsklinikum Freiburg laufenden fünfjährigen Studie mit 50 Patienten bestätigt werden, sieht Prof. Coenen die Möglichkeit einer europäischen Registrierung des Therapieverfahrens. Das erlaubt den Einsatz der Therapie auch außerhalb von Studien: „Für Patienten mit schwerster Depression könnte eine solche Tiefe Hirnstimulation in einigen Jahren eine wirksame Behandlungsoption sein“, sagt Prof. Coenen.

Quelle: Universitätsklinikum Freiburg (Deutschland)

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