Antidepressivum (SNRI) | Indikation: Depression, Panikstörung, GAS und soziale Phobie
Handelsnamen: Trevilor, Efexor & Efectin

Allgemeine Informationen

Venlafaxin wurde durch den Pharmakonzern Wyeth entwickelt und patentiert. Das Medikament wurde 1996 in Europa zugelassen.

Venlafaxin ist ein Antidepressivum aus der Gruppe der „selektiven Serotonin und Noradrenalin Wiederaufnahme-Hemmer“ (SNRI) und wird unter den Handelsnamen Trevilor, Efexor und Efectin vertrieben. Hinzu kommen zahlreiche Generika. Das Medikament ist zur Behandlung von Depressionen, Panikstörungen, generalisierten Angststörungen und sozialer Phobie zugelassen. Es ist ab 18 Jahren erhältlich. Bezüglich der Fahrtüchtigkeit und dem Bedienen von Maschinen gibt es keine Einschränkungen. Warten Sie jedoch zunächst ab bis Sie wissen, wie Sie auf das Medikament reagieren. Bezüglich Alkohol sind keine Wechselwirkungen bekannt, dennoch ist Vorsicht geboten.

Venlafaxin hemmt den Serotonin-Transporter mit etwa 30-facher Affinität im Vergleich zum Noradrenalin-Transporter und hemmt ausserdem die Dopamin-Wiederaufnahme, wenn auch sehr schwach. In der Praxis bedeutet dies, dass Venlafaxin in niedrigen Dosierungen eher einem SSRI gleicht und seine noradrenerge Komponente erst ab höheren Dosierungen zum Tragen kommt (ab ca. 225mg). SNRI’s welche die Noradrenalin-Wiederaufnahme von Beginn weg hemmen sind Duloxetin und Milnacipran.

Innerhalb der Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer hat es also die grösste Selektivität für Serotonin. Während Duloxetin eine 10-fach grössere Selektivität für Serotonin im Verhältnis zu Noradrenalin zeigt, blockiert Milnacipran die Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme etwa gleich stark.

Venlafaxin ist noch heute das am häufigsten verschriebene SNRI auf dem europäischen Markt.

Dosierung & Anwendung

Einnahme: 1x täglich mit dem Frühstück.
Die Einnahme muss täglich erfolgen (also nicht nur bei unmittelbarem Bedarf).

Dosierung: 75-375mg (Angststörungen max. 225mg)

Die Dosierung muss von einem Arzt individuell festgelegt werden. Die Dosis kann somit von der Standartdosierung abweichen. Je nachdem ist eine höhere oder tiefere Dosis erforderlich.

Antidepressiva werden grundsätzlich langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass im Normalfall mit der niedrigsten Dosis angefangen und diese (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis erhöht wird. So sollen die Nebenwirkungen minimiert werden.

Gleich verhält es sich beim Absetzen des Medikamentes. Die Dosis wird über Tage bis Wochen hinweg langsam reduziert (auch bekannt als das „Ausschleichen“). So sollen Absetzerscheinungen verhindert werden.

Wirkungseintritt & Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: nach 2-4 Stunden

Halbwertszeit: 5-10 Stunden

Bioverfügbarkeit: 40-45%

Wirkungseintritt: nach 2-4 Wochen bei Depressionen / 3-5 Wochen bei Angststörungen

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

Nebenwirkungen im Detail

Sehr häufig (mehr als 10%): Schwitzen, Übelkeit, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit.

Häufig (1-10%): Libidoverlust, Menstruationsstörungen, Probleme beim Wasserlösen, vermehrtes Harnlassen, verminderter Appetit, Verstopfungen, Erbrechen, Gähnen, Hypertonie, Hitzewallungen, Herzklopfen, Sehstörungen, Akkommodationsstörungen, Erweiterung der Pupillen, Schwindelgefühl, erhöhte Muskelspannung, Kribbeln auf der Haut, Sedierung, Tremor, Konfusion, Depersonalisation, Nervosität, ungewöhnliche Träume, Angstgefühle, erhöhte Cholesterinwerte, Gewichtsabnahme, Erschöpfung, Schüttelfrost.

Gelegentlich (0.1-1%): Lichtüberempfindlichkeitsreaktionen, Harnretention, Ausschlag, Haarausfall, Leberwertveränderungen, Geschmacksveränderungen, nächtliches Zähneknirschen, Durchfall, gastrointestinale Blutung, Kurzatmigkeit, tiefer Blutdruck, kurze spontane Bewusstlosigkeit, Herzrasen, Tinnitus, Muskelzuckungen, beeinträchtigte Koordination und Balance, Apathie, Halluzination, Agitiertheit, Gewichtszunahme, Angioödem, kleinflächige Hautblutungen.

Selten (0.01-0.1%): Harninkontinenz, Hepatitis, Gelbsucht, Leberversagen, QT-Verlängerung, Kammerflimmern, lebensbedrohliche Herzrythmusstörungen (einschliesslich Torsade de Pointes), Krampfanfälle, psychomotorische Unruhe, Manie.

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Die meisten Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

 

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Absolut kontraindiziert sind:

  • MAO-Hemmer-Therapie
  • Schwangerschaft & Stillzeit

 

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Bei gleichzeitiger Einnahme von antidepressiven Medikamenten von Typ der MAO-Hemmer kann es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen. Daher muss nach Absetzen einer Therapie mit MAO-Hemmern mindestens 14 Tage Abstand zum Beginn der Einnahme des Wirkstoffs eingehalten werden. Andererseits sollten MAO-Hemmer erst sieben Tage nach Ende einer Venlafaxin-Therapie angewendet werden. Der MAO-Hemmer Linezolid darf gar nicht zum Einsatz kommen.

Wie bei anderen Wirkstoffen, die wie der Nervenbotenstoff Serotonin wirken, kann auch die Behandlung mit Venlafaxin ein Serotonin-Syndrom, einen möglicherweise lebensbedrohlichen Zustand, auslösen. Er ist durch Bewußtseinstrübungen, Fieber, Herz-Kreislaufbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen gekennzeichnet. Insbesondere wird vor der gleichzeitigen Einnahme anderer, ähnlich wirkender Substanzen gewarnt. Dazu gehören: Triptane (gegen Migräne), die Antidepressiva-Gruppen SSRI, SNRI, Lithium und auch Johanniskraut, der Appetitzügler Sibutramin, die Schmerzmittel Fentanyl, Penthidin, Pentazocin, Tapentadol und Tramadol, das Hustenmittel Dextromethorphan und Methadon, das zum Drogenentzug dient. Auch von der gleichzeitigen Anwendung von Vorstufen des Serotonin wie dem Schlafmittel Tryptophan wird abgeraten.

Manche Wirkstoffe hemmen den Abbau von Venlafaxin im Körper und führen zu mehr Nebenwirkungen. Bei folgenden Kombinationspartnern muss der Arzt Vorsicht walten lassen: den AIDS-Mitteln Atazanavir, Indinavir, Nelfinavir, Ritonavir und Saquinavir, den Antibiotika Clarithromycin und Telithromycin sowie den Pilzmitteln Itraconazol, Ketoconazol, Posaconazol und Voriconazol.

Wegen Wechselwirkungen, die in ihrer Bedeutung nicht ganz klar sind, sollte der Arzt vorsichtig sein, wenn der Patient außer Venlafaxin die Psychopharmaka Haloperidol und Risperidon sowie den Betablocker Metoprolol erhält.

Wie bei anderen selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) sollte Venlafaxin bei Patienten, die Blutverdünner (Antikoagulanzien) und Thrombozytenaggregationshemmer einnehmen, vorsichtig angewendet werden. Bei gleichzeitiger Behandlung ist die Kontrolle der Gerinnung durch einen Arzt erforderlich.

 

Schwangerschaft & Stillzeit

Venlafaxin sollte während der Schwangerschaft nur verabreicht werden, wenn es zwingend erforderlich ist.

Nach Einnahme von Venlafaxin bzw. anderen SNRI’s am Ende der Schwangerschaft, traten bei einigen Neugeborenen folgende Absetzsymptome auf: Ess- und Schlafstörungen, Atmungsschwierigkeiten, bläuliche Verfärbung der Haut, Atemunterbrüche, Krampfanfälle, Temperaturschwankungen, zu niederiger Blutzuckerspiegel, Tremor, abnormale Muskelspannungen, gesteigerte Reflexbereitschaft, Erbrechen, abnormale Irritabilität, Überspanntheit, Lethargie, Schläfrigkeit und anhaltendes Weinen.

Eine SNRI-Exposition in der späten Schwangerschaft kann das Risiko für eine persistierende pulmonale Hypertonie beim Neugeborenen (PPHN) erhöhen.

Venlafaxin geht in die Muttermilch über. Ein Risiko für das gestillte Kind kann nicht ausgeschlossen werden. Daher darf während der Behandlung mit Venlafaxin nicht gestillt werden.

Studien

Vergleich mit Imipramin: In einer sechs Wochen dauernden Doppelblindstudie erhielten 224 ambulante Patienten mit «Major Depression» Venlafaxin, Imipramin oder Placebo. Als Beurteilungsgrundlage dienten die vier Beurteilungsskalen HAM-D, MADRS, CGI und HSCL. Die Medikamente wurden dreimal täglich eingenommen und im Verlauf der ersten zwei Wochen (soweit verträglich) allmählich gesteigert. Von der dritten Woche an betrug die Venlafaxin-Tagesdosis durchschnittlich etwa 175 mg, die Imipramin-Tagesdosis etwa 170 mg. Sowohl Venlafaxin als auch Imipramin führten zu einer gegenüber Placebo signifikanten Abnahme der Punktezahl in den verschiedenen Skalen. Dagegen ergab sich kein eindeutiger Unterschied zwischen Venlafaxin und Imipramin. Über ein Drittel der aktiv Behandelten brach die Studie vorzeitig ab; dies erfolgte in der Imipramin-Gruppe deutlich häufiger wegen unerwünschten Wirkungen.

Venlafaxin ist auch in einer Langzeit-Doppelblindstudie mit Imipramin verglichen worden. Auch hier handelte es sich um Personen mit «Major Depression». 290 Patienten erhielten Venlafaxin, 91 Imipramin. Die Tagesdosen der verwendeten Medikamente konnten zwischen 75 und 225 mg betragen. In dieser Studie galt das Hauptinteresse den unerwünschten Wirkungen. Nur 30% der mit Venlafaxin und 20% der mit Imipramin Behandelten beendeten die Studie planmässig erst nach einem vollen Jahr; schon nach einem Vierteljahr hatte rund die Hälfte der Patienten die Studie verlassen. Unerwünschte Wirkungen waren jedoch in beiden Gruppen nur bei etwa einem Drittel der Patienten für den Abbruch verantwortlich. Die antidepressive Wirksamkeit wurde mit der CGI-Skala beurteilt; es ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Medikamenten.

Vergleich mit Trazodon: In einer sechswöchigen placebokontrollierten Doppelblindstudie wurde Venlafaxin auch mit Trazodon verglichen. Von 225 depressiven Patienten beendeten 149 die Studie, die durchschnittlichen Tagesdosen betrugen 160 mg Venlafaxin und 300 mg Trazodon. Obwohl sich am Ende der Studie kein signifikanter Unterschied zwischen Venlafaxin-, Trazodon- und Placebo-Gruppe zeigen liess, ergab sich gesamthaft ein eindeutiger Vorteil der beiden (etwa gleichwertigen) aktiven Medikamente.

Vergleich mit Fluoxetin: Mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) ist Venlafaxin bisher nur sehr wenig verglichen worden. In einer multizentrischen Doppelblindstudie wurde Venlafaxin mit Fluoxetin verglichen. Für diese Studie wurden 68 hospitalisierte Patienten mit «melancholischer» Depression ausgewählt. Diese Patienten erhielten täglich entweder 200 mg Venlafaxin oder 40 mg Fluoxetin. Die Beurteilung erfolgte nach den drei Skalen MADRS, HAM-D und CGI; die Patienten wurden insgesamt sechs Wochen behandelt und während dieser Zeit siebenmal untersucht. Gegenüber den Ausgangswerten konnte schon nach wenigen Tagen unter beiden Medikamenten eine deutliche Besserung gezeigt werden. Venlafaxin war bei allen Untersuchungsdaten der Vergleichssubstanz überlegen; dieser Unterschied erreichte jedoch erst nach vier und sechs Wochen statistische Signifikanz. Es scheint also, dass Venlafaxin – ähnlich wie die trizyklischen Antidepressiva – bei dieser besonders schweren Form der Depression wirksamer ist als die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).

Vergleich mit Bupropion: Eine Studien mit Bupropion hat gezeigt, dass bezogen auf Response und Remission Venlafaxin im Vergleich besser wirkt.

Vergleich mit Escitalopram: In einer achtwöchigen Doppelblindstudie, die lediglich in Kurzform publiziert ist, erwies sich Escitalopram (10 bis 20 mg/Tag) im Vergleich mit Venlafaxin (75 bis 150 mg/Tag) als leicht überlegen.

Weiteres: In einer offenen Studie erhielten 84 Patienten mit «therapieresistenter» Depression Venlafaxin. Es handelte sich um Kranke, die trotz intensiver Behandlung mit verschiedenen anderen Antidepressiva eine «Major Depression» aufwiesen. Die Venlafaxin-Dosis wurde innerhalb der ersten Woche rasch auf 150 mg/Tag eingestellt und in der Folge nach Bedarf bis auf ein Maximum von 450 mg/Tag gesteigert. Gemäss den Resultaten, die bei 70 Patienten während einer Behandlung von 12 Wochen gewonnen wurden, konnte bei 15 bis 20% der Behandelten ein wesentliche und bei weiteren 10 bis 15% eine teilweise Besserung der depressiven Symptome erreicht werden.

Bedenken Sie, dass die Studien keine Aussage über das Ansprechen einer individuellen Person aussagt.

Dieses Medikament ist rezeptpflichtig. Die Einnahme muss ärztlich überwacht werden!

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