Johanniskraut

Antidepressivum (pflanzlich) | Handelsnamen: Laif, Jarsin etc.

Allgemeine Informationen

Johanniskraut und dessen Extrakte (medizinisch als Hypericum perforatum bezeichnet) wurden bereits in der Antike als Heilmittel gegen Schwermut und Nervosität eingesetzt. Es gilt somit als das älteste Antidepressivum der Welt.

Heute sind diverse Präparate -vor allem in Tablettenform- auf dem Markt. Bekannte Markennamen sind beispielsweise Laif und Jarsin. Die meisten Tabletten sind ohne Rezept in Apotheken erhältlich. Bezüglich den hoch dosierten Präparaten (wie z.B. Laif 900 in Deutschland) besteht ein Streit zwischen der Zulassungsbehörde und der Pharmaindustrie. Für gewisse Präparate gilt/galt zeitweise eine Rezeptpflicht, für andere wiederum nicht. Eine hohe Dosierung (600mg-1200mg) ist bei klinisch relevanten Depressionen unabdingbar um einen medizinisch messbaren Effekt zu erzielen.

Johanniskraut-Extrakt ist das einzige pflanzliche Medikament, dessen antidepressive Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist. Allerdings hängt der Behandlungserfolg von der Schwere der Depression ab. Während bei leichten Depressionen Johanniskraut mit chemischen Antidepressiva bezüglich Wirksamkeit mithalten kann, sind die chemischen Antidepressiva bei schweren Depressionen Johanniskraut überlegen.

Das erwähnte Extrakt erhöht die Verfügbarkeit der Botenstoffe (Neurotransmitter) Serotonin und Noradrenalin. Ferner beeinflusst es die Neurotransmitter Dopamin, Glutamat und GABA bzw. führt es zu einem Anstieg derer Konzentration im synaptischen Spalt. Insofern unterscheidet es sich in seinem Wirkprinzip nicht von chemischen Antidepressiva.

Rezeptpflichtiges Johanniskraut-Extrakt ist ab dem 18. Altersjahr verfügbar und hat keinen negativen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit oder das Bedienen von Maschinen, dennoch sollte immer zunächst abgewartet werden wie man auf das Präparat anspricht. Wechselwirkungen mit Alkohol hat es in der Regel keine, dennoch ist Vorsicht geboten.

Johanniskraut-Extrakt sollte nicht mit chemischen Antidepressiva kombiniert werden, da einige Studien aufgezeigt haben, dass es die Wirksamkeit letzterer negativ beeinflussen kann. Ebenfalls besteht die Gefahr eines Serotonin-Syndroms.

Indikationen
  • Leichte bis mittelschwere Depression
  • Gemütsverstimmungen
  • Nervosität
Dosierung & Anwendung

Einnahme: Je nach Präparat 1-3x täglich
Die Einnahme muss täglich erfolgen (also nicht nur bei unmittelbarem Bedarf).

Zieldosis bei klinischer Verwendung: 600mg-1200mg (pro Tag)

Die hier erwähnte Dosierung bezieht sich auf Erwachsene ohne körperliche Einschränkungen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren deren Behandlung ambulant erfolgt. Grundsätzlich muss auch bei Johanniskraut die Dosis von einem Arzt individuell festgelegt werden, sofern diese 600mg übersteigt und/oder weitere Medikamente eingenommen werden.

Vorausgesetzt Johanniskraut wird klinisch (also unter ärztlicher Kontrolle in hohen Dosen) verwendet, wird es wie chemische Antidepressiva langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass zu Beginn die niedrigste Dosis verabreicht und diese anschliessend (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis gesteigert wird. Bei einem positiven Ansprechen auf das Medikament, sollte die Einnahme mind. 6 Monate nach dem Abklingen sämtlicher Symptome weitergeführt werden. Ist anschliessend keine Rezidivprophylaxe (vorsorgliche Einnahme zur Verhütung eines Rückfalls) notwendig, kann das Antidepressivum schrittweise unter ärztlicher Kontrolle wieder abgesetzt werden.

Ändern Sie bei einer klinischen Verwendung nie die Dosis im Alleingang (weder erhöhen noch reduzieren), auch wenn sich Ihr Gesundheitszustand verändert hat. Halten Sie immer zunächst Rücksprache mit Ihrem Arzt!

Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: nach ca. 8 Stunden

Halbwertszeit: ca. 19 Stunden

Bioverfügbarkeit: 14-21%

Wirkungseintritt: nach 2-4 Wochen täglicher Einnahme

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

Nebenwirkungen

Sehr häufig (mehr als 10%): keine

Häufig (1-10%): keine

Gelegentlich (0.1-1%): Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Unruhe, allergische Reaktionen der Haut.

Selten (0.01-0.1%): Lichtempfindlichkeit der Haut

Weitere (sehr seltene Nebenwirkungen/Einzelfälle/Häufigkeit unbekannt): Manie

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Die meisten Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen (auch frei verkäuflichen) Medikamenten.

 

Nicht einnehmen dürfen Sie Johanniskraut:

  • Wenn Sie allergisch gegenüber einem Inhaltsstoff Ihres Johanniskraut-Präparates sind.
  • Wenn Sie gleichzeitig MAO-Hemmer einnehmen oder in den vergangenen 14 Tagen eingenommen haben. Dazu gehören unter anderem Selegilin (zur Behandlung der Parkinson Krankheit), Moclobemid oder Tranylcypromin (zur Behandlung von Depressionen) und Linezolid (ein Antibiotikum zur Behandlung schwerster, komplizierter Infektionen).
  • Zusammen mit Arzneimitteln zur Unterdrückung von Abstossungsreaktionen gegenüber Transplantaten (Immunsuppressiva) wie beispielsweise Ciclosporin, Tacrolimus oder Sirolimus.
  • Zusammen mit Arzneimittel zur Behandlung von HIV-Infektionen oder AIDS wie Indinavir oder Nevirapin.
  • Zusammen mit Zellwachstum-hemmenden Arzneimittel (Zytostatika) wie Imatinib oder Irinotecan.

 

Bei der Einnahme von Johanniskraut ist Vorsicht geboten…

  • Wenn Ihre Haut lichtempfindlich ist.
  • Wenn Sie erhöhter UV-Strahlung (Sonnenbad, Solarium etc.) ausgesetzt sind.

 

Johanniskraut soll mit den folgenden Arzneimitteln nur mit Vorsicht angewendet werden:

  • Arzneimittel zur Hemmung der Blutgerinnung wie Phenprocoumon oder Warfarin
  • Digoxin
  • Midazolam (Benzodiazepin)
  • Hormonelle Empfängnisverhütungsmittel (“Pille”)
  • Andere Arzneimittel welche auf den Botenstoff Serotonin wirken (andere Antidepressiva, Tramadol etc.)
  • Arzneimitteln, die über das Cytochrom P 450-Enzymsystem der Leber verstoffwechselt werden
  • Methadon

Diese Liste entspricht den aktuell verfügbaren Informationen, weitere Interaktionen und Kontraindikationen sind allerdings keineswegs auszuschliessen! Sprechen Sie unbedingt Ihren Arzt auf bestehende Erkrankungen und Veränderungen Ihrer Medikation (betrifft auch rezeptfreie Präparate) an, auch wenn auf dieser Liste keine Informationen vermerkt sind.

Schwangerschaft & Stillzeit

Es liegen keine klinischen Daten mit Anwendung bei Schwangeren vor. Tierexperimentelle Studien zeigten keine direkte oder indirekte Toxizität mit Auswirkung auf Schwangerschaft, Embryonalentwicklung, Entwicklung der Föten und/oder die postnatale Entwicklung. Das potenzielle Risiko für den Menschen ist jedoch nicht bekannt.

Studien

Vergleich mit Placebo: 105 Personen mit einer mittelschweren Depression wurden in einer vier Wochen dauernden Doppelblindstudie entweder mit Johanniskraut (LI 160, Tagesdosis von 900 mg) oder mit Placebo behandelt. In diese Studie wurden Personen aufgenommen, die Symptome einer Depression aufwiesen, die mit den Ziffern 300.4 (neurotische Depression) oder 309.0 (kurzdauernde depressive Reaktion) der ICD-9 vereinbar waren. Der Verlauf der Depression wurde anhand der «Hamilton Depression Scale» verfolgt. Die Behandelten beider Gruppen hatten bei Studienbeginn durchschnittlich etwa 16 Punkte auf der Hamilton-Skala, was einer leichten Depression entspricht. Nach zwei und vier Wochen Behandlung fand sich unter LI 160 eine statistisch signifikant stärkere Verbesserung der Symptomatik als unter Placebo. Im Vergleich mit Placebo sprachen Einschlafstörungen, depressive Stimmung und Angst auf LI 160 besser an.

Ähnliche Resultate ergaben sich in einer anderen Placebo-Vergleichsstudie bei 72 Personen. In den ersten vier Behandlungswochen traten bei allen Behandelten (auch in der Placebogruppe) Verbesserungen des Zustandes auf. LI 160 erwies sich aber gemäss vier verschiedenen psychometrischen Skalen als statistisch signifikant wirksamer. Nach vierwöchiger Behandlung erhielt auch die Placebogruppe LI 160. Bei diesen Personen war erstaunlicherweise schon nach zwei Wochen aktiver Behandlung auf der Hamilton-Skala eine kleinere Punktzahl als in der anderen Gruppe nach vier Wochen aktiver Therapie erreicht.

Vergleich mit Imipramin: In einer Multizenter-Doppelblindstudie wurde Johanniskraut (LI 160) mit Imipramin (Tofranil®) verglichen. 135 ambulante Patienten erhielten während sechs Wochen entweder LI 160 (3x 300 mg/Tag) oder Imipramin (3x 25 mg/Tag). Als Aufnahmekriterien galten verschiedene depressive Zustandsbilder. Die Wirkung der Behandlung wurde anhand von drei Depressions-Skalen (Fremd- und Selbstbeurteilung) beurteilt. Zu Beginn der Studie betrug der Punktewert auf der Hamilton-Skala in beiden Gruppen durchschnittlich ungefähr 20. Während der Studie konnte in beiden Gruppen eine vergleichbare allmähliche Besserung des Zustandes beobachtet werden. Am Ende der Studie hatten LI-160-Behandelte auf der Hamilton-Skala durchschnittlich noch eine Punktzahl von 8,8, die Imipramin-Behandelten eine Punktzahl von 10,7 (kein signifikanter Unterschied).

Gemäss vorläufigen Berichten ist LI 160 ferner in einer Doppelblindstudie bei 209 Personen mit schwerer Depression (Hamilton-Punktezahl über 20) in einer höheren Dosis (3x 600 mg/Tag) mit Imipramin (3mal 50 mg/Tag) verglichen worden. Beide Medikamente waren wirksam, Imipramin tendenziell besser.

Vergleich mit Maprotilin:  In Praxen von Neurologen oder Psychiatern wurde Johanniskraut (LI 160) in einer vierwöchigen Doppelblindstudie mit Maprotilin (Ludiomil®) verglichen. 102 Personen mit mittelstark ausgeprägten Depression erhielten 3x 300 mg LI 160 oder 3x 25 mg Maprotilin täglich. Es wurden drei Depressions-Skalen zur Beurteilung verwendet. Unter LI 160 wurde die Punktezahl auf der Hamilton-Skala durchschnittlich von 20,5 auf 12,2 Punkte gesenkt. Die Behandlung mit Maprotilin führte zu einer Verbesserung von 21,5 auf 10,5 Punkte. In beiden Behandlungsgruppen fanden sich etwa gleich viele Leute, die nicht auf die Behandlung ansprachen. Die Wirkung von Maprotilin scheint schneller einzusetzen als diejenige von LI 160.

Vergleich mit AmitriptylinIm Vergleich mit Amitriptylin (3x 25 mg/Tag) war LI 160 gemäss einem Kongressbericht in einer britischen, sechs Wochen dauernden Doppelblindstudie bei 165 Personen mit leichter bis mittelschwerer Depression weniger wirksam. Immerhin erreichte auch LI 160 eine deutliche Senkung der Punktezahl gemäss der Hamilton-Skala.

Vergleich mit Citalopram: In einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie erhielten 388 Patienten mit mittelschwerer Depression sechs Wochen lang entweder einmal täglich 900 mg Hypericum-Extrakt STW 3-VI (Johanniskraut, Laif® 900), 20 mg Citalopram oder Placebo. Das Hauptzielkriterium zur Beurteilung der Therapiewirksamkeit war der Hamilton-Depressions-(HAMD)-Score. Von fast identischen Ausgangsmittelwerten (21,9 STW 3-VI, 21,8 Citalopram, 22,0 Placebo) verringerte sich der HAMD-Score nach sechs Wochen signifikant bei dem Hypericum-Extrakt und Citalopram auf  10,3 Punkte (Placebo 13,0 Punkte), was auf eine gleichwertige Wirksamkeit bei mittelschweren Depressionen schliessen lässt. Insgesamt war der Hypericum-Extrakt besser verträglich als Citalopram. In der Citalopram-Gruppe wurden signifikant mehr unerwünschte Arzneimittelwirkungen dokumentiert (53,2 Prozent) als in der Hypericum-Gruppe (17,2 Prozent) oder in der Placebogruppe (30 Prozent).

Studie des Nordic Cochrane Centre: Das Nordic Cochrane Centre wird vom dänischen Staat finanziert und darf per Gesetz keine Gelder der Pharmaindustrie annehmen. So soll die grösstmögliche Unabhängigkeit garantiert werden. Das Zentrum hat bis im Juni 2019 522 bereits publizierte placebokontrollierte Studien zu Antidepressiva im Allgemeinen ausgewertet. Es handelt sich dabei um klinische Studien, an denen insgesamt 116’477 depressive Probandinnen und Probanden teilgenommen haben. Zusätzlich hat das Zentrum auch 19 unveröffentlichte klinische Studien der Pharmaindustrie beigezogen. Also Studien, welche die Pharmakonzerne nicht veröffentlicht haben wollten, aber beim Zulassungsgesuch des Medikaments den Behörden vorlegen mussten. Die Forscher konnten nur eine leichte Überlegenheit von Antidepressiva gegenüber Placebo feststellten. Es handelt sich dabei um einen Unterschied von lediglich 1,97 Punkten auf einer Skala von 52 Punkten.

Bedenken Sie, dass diese Studien keinen Aufschluss über die Wirksamkeit im Einzelfall ergeben.

Der Autor hat keine Beziehungen zu den Herstellern und ist nicht am Verkauf der erwähnten Produkte beteiligt.
Informieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie hoch dosiertes Johanniskraut-Extrakt einnehmen.

Stand der Information: Januar 2016

Johanniskraut

Antidepressivum (pflanzlich) | Handelsnamen: Laif, Jarsin etc.

Allgemeine Informationen

Johanniskraut und dessen Extrakte (medizinisch als Hypericum perforatum bezeichnet) wurden bereits in der Antike als Heilmittel gegen Schwermut und Nervosität eingesetzt. Es gilt somit als das älteste Antidepressivum der Welt.

Heute sind diverse Präparate -vor allem in Tablettenform- auf dem Markt. Bekannte Markennamen sind beispielsweise Laif und Jarsin. Die meisten Tabletten sind ohne Rezept in Apotheken erhältlich. Bezüglich den hoch dosierten Präparaten (wie z.B. Laif 900 in Deutschland) besteht ein Streit zwischen der Zulassungsbehörde und der Pharmaindustrie. Für gewisse Präparate gilt/galt zeitweise eine Rezeptpflicht, für andere wiederum nicht. Eine hohe Dosierung (600mg-1200mg) ist bei klinisch relevanten Depressionen unabdingbar um einen medizinisch messbaren Effekt zu erzielen.

Johanniskraut-Extrakt ist das einzige pflanzliche Medikament, dessen antidepressive Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist. Allerdings hängt der Behandlungserfolg von der Schwere der Depression ab. Während bei leichten Depressionen Johanniskraut mit chemischen Antidepressiva bezüglich Wirksamkeit mithalten kann, sind die chemischen Antidepressiva bei schweren Depressionen Johanniskraut überlegen.

Das erwähnte Extrakt erhöht die Verfügbarkeit der Botenstoffe (Neurotransmitter) Serotonin und Noradrenalin. Ferner beeinflusst es die Neurotransmitter Dopamin, Glutamat und GABA bzw. führt es zu einem Anstieg derer Konzentration im synaptischen Spalt. Insofern unterscheidet es sich in seinem Wirkprinzip nicht von chemischen Antidepressiva.

Rezeptpflichtiges Johanniskraut-Extrakt ist ab dem 18. Altersjahr verfügbar und hat keinen negativen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit oder das Bedienen von Maschinen, dennoch sollte immer zunächst abgewartet werden wie man auf das Präparat anspricht. Wechselwirkungen mit Alkohol hat es in der Regel keine, dennoch ist Vorsicht geboten.

Johanniskraut-Extrakt sollte nicht mit chemischen Antidepressiva kombiniert werden, da einige Studien aufgezeigt haben, dass es die Wirksamkeit letzterer negativ beeinflussen kann. Ebenfalls besteht die Gefahr eines Serotonin-Syndroms.

Indikationen
  • Leichte bis mittelschwere Depression
  • Gemütsverstimmungen
  • Nervosität
Dosierung & Anwendung

Einnahme: Je nach Präparat 1-3x täglich.
Die Einnahme muss täglich erfolgen.

Zieldosis bei klinischer Verwendung: 600mg-1200mg (pro Tag)

Die hier erwähnte Dosierung bezieht sich auf Erwachsene ohne körperliche Einschränkungen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren deren Behandlung ambulant erfolgt. Grundsätzlich muss auch bei Johanniskraut die Dosis von einem Arzt individuell festgelegt werden, sofern diese 600mg übersteigt und/oder weitere Medikamente eingenommen werden.

Vorausgesetzt Johanniskraut wird klinisch (also unter ärztlicher Kontrolle in hohen Dosen) verwendet, wird es wie chemische Antidepressiva langsam „eingeschlichen“. Das heisst, dass zu Beginn die niedrigste Dosis verabreicht und diese anschliessend (nach einigen Tagen/Wochen) schrittweise bis zur Zieldosis gesteigert wird. Bei einem positiven Ansprechen auf das Medikament, sollte die Einnahme mind. 6 Monate nach dem Abklingen sämtlicher Symptome weitergeführt werden. Ist anschliessend keine Rezidivprophylaxe (vorsorgliche Einnahme zur Verhütung eines Rückfalls) notwendig, kann das Antidepressivum schrittweise unter ärztlicher Kontrolle wieder abgesetzt werden.

Ändern Sie bei einer klinischen Verwendung nie die Dosis im Alleingang (weder erhöhen noch reduzieren), auch wenn sich Ihr Gesundheitszustand verändert hat. Halten Sie immer zunächst Rücksprache mit Ihrem Arzt!

Pharmakokinetik

max. Plasmakonzentration: n8 Stunden

Halbwertszeit: 19 Stunden

Bioverfügbarkeit: 14-21%

Wirkungseintritt: 2-4 Wochen

Diese Werte sind als Durchschnittswerte anzusehen. Je nach Alter, Nahrungsaufnahme und der Kombination mit anderen Medikamenten können diese Werte (teilweise stark) variieren.

Nebenwirkungen

Sehr häufig (mehr als 10%):

  • keine

Häufig (1-10%):

  • keine

Gelegentlich (0.1-1%):

  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Müdigkeit
  • Unruhe
  • Allergische Reaktionen der Haut

Selten (0.01-0.1%):

  • Lichtempfindlichkeit der Haut

Weitere (sehr seltene Nebenwirkungen / Einzelfälle / Häufigkeit unbekannt):

  • Manie

Menschen mit Depressionen und/oder Angststörungen gehen meist automatisch davon aus, sämtliche und/oder die schwersten Nebenwirkungen zu entwickeln. Hierbei kann ein Nocebo-Effekt (ein negativer Placebo-Effekt) entstehen. Diese Annahme ist objektiv nicht begründet. Die meisten Nebenwirkungen verschwinden 3-4 Wochen nach Beginn der Therapie.

Kontraindikationen & Wechselwirkungen

Fragen Sie, bevor Sie Medikamente einnehmen immer Ihren Arzt oder Apotheker bezüglich Nebenwirkungen, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Wechselwirkungen mit anderen (auch frei verkäuflichen) Medikamenten.

 

Nicht einnehmen dürfen Sie Johanniskraut:

  • Wenn Sie allergisch gegenüber einem Inhaltsstoff Ihres Johanniskraut-Präparates sind.
  • Wenn Sie gleichzeitig MAO-Hemmer einnehmen oder in den vergangenen 14 Tagen eingenommen haben. Dazu gehören unter anderem Selegilin (zur Behandlung der Parkinson Krankheit), Moclobemid oder Tranylcypromin (zur Behandlung von Depressionen) und Linezolid (ein Antibiotikum zur Behandlung schwerster, komplizierter Infektionen).
  • Zusammen mit Arzneimitteln zur Unterdrückung von Abstossungsreaktionen gegenüber Transplantaten (Immunsuppressiva) wie beispielsweise Ciclosporin, Tacrolimus oder Sirolimus.
  • Zusammen mit Arzneimittel zur Behandlung von HIV-Infektionen oder AIDS wie Indinavir oder Nevirapin.
  • Zusammen mit Zellwachstum-hemmenden Arzneimittel (Zytostatika) wie Imatinib oder Irinotecan.

 

Bei der Einnahme von Johanniskraut ist Vorsicht geboten…

  • Wenn Ihre Haut lichtempfindlich ist.
  • Wenn Sie erhöhter UV-Strahlung (Sonnenbad, Solarium etc.) ausgesetzt sind.

 

Johanniskraut soll mit den folgenden Arzneimitteln nur mit Vorsicht angewendet werden:

  • Arzneimittel zur Hemmung der Blutgerinnung wie Phenprocoumon oder Warfarin
  • Digoxin
  • Midazolam (Benzodiazepin)
  • Hormonelle Empfängnisverhütungsmittel (“Pille”)
  • Andere Arzneimittel welche auf den Botenstoff Serotonin wirken (andere Antidepressiva, Tramadol etc.)
  • Arzneimitteln, die über das Cytochrom P 450-Enzymsystem der Leber verstoffwechselt werden
  • Methadon

Diese Liste entspricht den aktuell verfügbaren Informationen, weitere Interaktionen und Kontraindikationen sind allerdings keineswegs auszuschliessen! Sprechen Sie unbedingt Ihren Arzt auf bestehende Erkrankungen und Veränderungen Ihrer Medikation (betrifft auch rezeptfreie Präparate) an, auch wenn auf dieser Liste keine Informationen vermerkt sind.

Schwangerschaft & Stillzeit

Es liegen keine klinischen Daten mit Anwendung bei Schwangeren vor. Tierexperimentelle Studien zeigten keine direkte oder indirekte Toxizität mit Auswirkung auf Schwangerschaft, Embryonalentwicklung, Entwicklung der Föten und/oder die postnatale Entwicklung. Das potenzielle Risiko für den Menschen ist jedoch nicht bekannt.

Studien

Vergleich mit Placebo: 105 Personen mit einer mittelschweren Depression wurden in einer vier Wochen dauernden Doppelblindstudie entweder mit Johanniskraut (LI 160, Tagesdosis von 900 mg) oder mit Placebo behandelt. In diese Studie wurden Personen aufgenommen, die Symptome einer Depression aufwiesen, die mit den Ziffern 300.4 (neurotische Depression) oder 309.0 (kurzdauernde depressive Reaktion) der ICD-9 vereinbar waren. Der Verlauf der Depression wurde anhand der «Hamilton Depression Scale» verfolgt. Die Behandelten beider Gruppen hatten bei Studienbeginn durchschnittlich etwa 16 Punkte auf der Hamilton-Skala, was einer leichten Depression entspricht. Nach zwei und vier Wochen Behandlung fand sich unter LI 160 eine statistisch signifikant stärkere Verbesserung der Symptomatik als unter Placebo. Im Vergleich mit Placebo sprachen Einschlafstörungen, depressive Stimmung und Angst auf LI 160 besser an.

Ähnliche Resultate ergaben sich in einer anderen Placebo-Vergleichsstudie bei 72 Personen. In den ersten vier Behandlungswochen traten bei allen Behandelten (auch in der Placebogruppe) Verbesserungen des Zustandes auf. LI 160 erwies sich aber gemäss vier verschiedenen psychometrischen Skalen als statistisch signifikant wirksamer. Nach vierwöchiger Behandlung erhielt auch die Placebogruppe LI 160. Bei diesen Personen war erstaunlicherweise schon nach zwei Wochen aktiver Behandlung auf der Hamilton-Skala eine kleinere Punktzahl als in der anderen Gruppe nach vier Wochen aktiver Therapie erreicht.

Vergleich mit Imipramin: In einer Multizenter-Doppelblindstudie wurde Johanniskraut (LI 160) mit Imipramin (Tofranil®) verglichen. 135 ambulante Patienten erhielten während sechs Wochen entweder LI 160 (3x 300 mg/Tag) oder Imipramin (3x 25 mg/Tag). Als Aufnahmekriterien galten verschiedene depressive Zustandsbilder. Die Wirkung der Behandlung wurde anhand von drei Depressions-Skalen (Fremd- und Selbstbeurteilung) beurteilt. Zu Beginn der Studie betrug der Punktewert auf der Hamilton-Skala in beiden Gruppen durchschnittlich ungefähr 20. Während der Studie konnte in beiden Gruppen eine vergleichbare allmähliche Besserung des Zustandes beobachtet werden. Am Ende der Studie hatten LI-160-Behandelte auf der Hamilton-Skala durchschnittlich noch eine Punktzahl von 8,8, die Imipramin-Behandelten eine Punktzahl von 10,7 (kein signifikanter Unterschied).

Gemäss vorläufigen Berichten ist LI 160 ferner in einer Doppelblindstudie bei 209 Personen mit schwerer Depression (Hamilton-Punktezahl über 20) in einer höheren Dosis (3x 600 mg/Tag) mit Imipramin (3mal 50 mg/Tag) verglichen worden. Beide Medikamente waren wirksam, Imipramin tendenziell besser.

Vergleich mit Maprotilin:  In Praxen von Neurologen oder Psychiatern wurde Johanniskraut (LI 160) in einer vierwöchigen Doppelblindstudie mit Maprotilin (Ludiomil®) verglichen. 102 Personen mit mittelstark ausgeprägten Depression erhielten 3x 300 mg LI 160 oder 3x 25 mg Maprotilin täglich. Es wurden drei Depressions-Skalen zur Beurteilung verwendet. Unter LI 160 wurde die Punktezahl auf der Hamilton-Skala durchschnittlich von 20,5 auf 12,2 Punkte gesenkt. Die Behandlung mit Maprotilin führte zu einer Verbesserung von 21,5 auf 10,5 Punkte. In beiden Behandlungsgruppen fanden sich etwa gleich viele Leute, die nicht auf die Behandlung ansprachen. Die Wirkung von Maprotilin scheint schneller einzusetzen als diejenige von LI 160.

Vergleich mit AmitriptylinIm Vergleich mit Amitriptylin (3x 25 mg/Tag) war LI 160 gemäss einem Kongressbericht in einer britischen, sechs Wochen dauernden Doppelblindstudie bei 165 Personen mit leichter bis mittelschwerer Depression weniger wirksam. Immerhin erreichte auch LI 160 eine deutliche Senkung der Punktezahl gemäss der Hamilton-Skala.

Vergleich mit Citalopram: In einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie erhielten 388 Patienten mit mittelschwerer Depression sechs Wochen lang entweder einmal täglich 900 mg Hypericum-Extrakt STW 3-VI (Johanniskraut, Laif® 900), 20 mg Citalopram oder Placebo. Das Hauptzielkriterium zur Beurteilung der Therapiewirksamkeit war der Hamilton-Depressions-(HAMD)-Score. Von fast identischen Ausgangsmittelwerten (21,9 STW 3-VI, 21,8 Citalopram, 22,0 Placebo) verringerte sich der HAMD-Score nach sechs Wochen signifikant bei dem Hypericum-Extrakt und Citalopram auf  10,3 Punkte (Placebo 13,0 Punkte), was auf eine gleichwertige Wirksamkeit bei mittelschweren Depressionen schliessen lässt. Insgesamt war der Hypericum-Extrakt besser verträglich als Citalopram. In der Citalopram-Gruppe wurden signifikant mehr unerwünschte Arzneimittelwirkungen dokumentiert (53,2 Prozent) als in der Hypericum-Gruppe (17,2 Prozent) oder in der Placebogruppe (30 Prozent).

Studie des Nordic Cochrane Centre: Das Nordic Cochrane Centre wird vom dänischen Staat finanziert und darf per Gesetz keine Gelder der Pharmaindustrie annehmen. So soll die grösstmögliche Unabhängigkeit garantiert werden. Das Zentrum hat bis im Juni 2019 522 bereits publizierte placebokontrollierte Studien zu Antidepressiva im Allgemeinen ausgewertet. Es handelt sich dabei um klinische Studien, an denen insgesamt 116’477 depressive Probandinnen und Probanden teilgenommen haben. Zusätzlich hat das Zentrum auch 19 unveröffentlichte klinische Studien der Pharmaindustrie beigezogen. Also Studien, welche die Pharmakonzerne nicht veröffentlicht haben wollten, aber beim Zulassungsgesuch des Medikaments den Behörden vorlegen mussten. Die Forscher konnten nur eine leichte Überlegenheit von Antidepressiva gegenüber Placebo feststellten. Es handelt sich dabei um einen Unterschied von lediglich 1,97 Punkten auf einer Skala von 52 Punkten.

Bedenken Sie, dass diese Studien keinen Aufschluss über die Wirksamkeit im Einzelfall ergeben.

Der Autor hat keine Beziehungen zu den Herstellern und ist nicht am Verkauf der erwähnten Produkte beteiligt. Informieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie hoch dosiertes Johanniskraut-Extrakt einnehmen.

Stand der Information: Januar 2016